Politik : Misstrauische Riesen

Vor dem Besuch von Hu Jintao: Der Boom eint Indien und China, doch Machtfragen bleiben ungelöst

Harald Maass[Peking]

An diesem Montag reist Chinas Präsident Hu Jintao nach Indien – der erste Besuch auf höchster Ebene seit zehn Jahren. Die beiden bevölkerungsreichsten Länder wollen ihre „strategische Partnerschaft“ ausbauen, heißt es offiziell. Doch das Misstrauen zwischen den beiden asiatischen Boomländern sitzt tief.

Obwohl Indien seit knapp einem halben Jahrhundert dem Dalai Lama Exil gewährt, wird Hu während seines dreitägigen Besuchs wohl nicht mit dem Protest von Exiltibetern konfrontiert werden. Neu Delhi hat kein Interesse, den Besucher zu verärgern. Gegen tibetische Aktivisten wurden während des Besuchs von Hu Reiseverbote verhängt. Auch als Chinas Botschafter, Sun Yuxi, vor einigen Tagen erklärte, dass der nordöstliche indische Bundesstaat Arunachal Pradesh, ein Gebiet von immerhin 84 000 Quadratkilometern, „chinesisches Territorium“ sei, reagierte Neu-Delhi ungewöhnlich diplomatisch. China und Indien streiten seit dem Grenzkrieg von 1962 über ihre gegenseitigen Gebietsansprüche. 2003 einigten sich die Regierungschefs, den Grenzstreit durch eine gemeinsame Kommission zu lösen. Neunmal trafen sich die Gesandten beider Länder, eine Lösung ist jedoch nicht in Sicht.

Zuletzt hatte der damalige Staats- und Parteichef Jiang Zemin 1996 Indien besucht und dabei eine Annäherung der beiden Länder eingeleitet. Doch die Beziehungen sind bis heute empfindlich: Unmittelbar nach seinem Besuch wird Hu Jintao Indiens Erzfeind Pakistan besuchen. Peking pflegt traditionell enge Beziehungen zu Islamabad, während des Besuchs wird China vermutlich Atomreaktoren und Kriegsschiffe nach Pakistan verkaufen. In Neu-Delhi ist man auch über die engen Militärkontakte besorgt, die Peking zu anderen asiatischen Nachbarn wie Bangladesh, Burma, Sri Lanka und Nepal unterhält.

Was Peking und Neu Delhi jedoch verbindet, ist ein neuer Pragmatismus in ihrer Außenpolitik. Beide Boomländer profitieren von der Globalisierung und erleben einen rasanten Wirtschaftsaufschwung. In einer solchen Situation will keiner die Stabilität in der Region gefährden. Über manche Probleme in den Beziehungen sieht man deshalb hinweg, obwohl beide Länder weltweit um den Zugang zu Erdölreserven konkurrieren.

Wirtschaftlich ist die Annäherung profitabel. Seit 1998 hat sich der gemeinsame Handel auf 20 Milliarden Dollar mehr als verzehnfacht, wobei Indien einen Überschuss erwirtschaftet. Während des Besuchs von Hu soll ein Abkommen zum Investitionsschutz unterzeichnet werden. Doch auch im Handel gibt es Probleme. Chinesische Geschäftsleute berichten, dass sie nur sehr schwer Visa für Indien bekämen. Offenbar fürchtet Indien, von chinesischen Billigprodukten überschwemmt zu werden. Umgekehrt beschwert es sich darüber, dass seine IT-Firmen in China systematisch benachteiligt würden. Offenbar sitzt das Misstrauen zwischen den beiden asiatischen Hochkulturen bis heute tief.

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