Politik : Mister Montenegro

Vor drei Monaten führte Milo Djukanovic seine Zwergrepublik in die Unabhängigkeit. Jetzt könnte er auch die Wahlen gewinnen

Enver Robelli[Podgorica]

Alles werde besser, wenn Montenegro die Unabhängigkeit wieder erlangt und den fast neun Jahrzehnte währenden Bund mit Serbien auflöst. Das versprachen die Befürworter der Unabhängigkeit vor dem Referendum im Mai. Die Abstimmung gewannen die Unabhängigkeits-Anhänger, an ihrer Spitze Premier Milo Djukanovic, knapp. Der Jubel war grenzenlos. Was hat sich seither in der unabhängigen Republik Montenegro geändert? Am Grenzübergang Debeli Brijeg weht stolz die alte Fahne des Königreichs Montenegro, doch die Gebärden der Grenzpolizisten gleichen jenen von Wegelagerern. Nach der Passkontrolle, die wie immer eine Ewigkeit dauert, kommt ein Zollbeamter und fordert im Befehlston „cigare, cigare“. Nur mürrisch gibt er sich zufrieden mit einem Päckchen Zigaretten einer wenig bekannten Marke, erwartet hat er offensichtlich jene Glimmstängel, für die weltweit ein Cowboy Werbung macht. Willkommen in Montenegro!

Der Rausch nach der wieder gewonnenen staatlichen Souveränität scheint vorbei zu sein. Nicht nur Polizisten schimpfen über die niedrigen Löhne. An diesem Sonntag wählen die Montenegriner ein neues Parlament, und es bestehen kaum Zweifel, wer den Urnengang gewinnen wird – trotz der schlechten Wirtschaftslage: Milo Djukanovic, ein mit allen Wassern gewaschener Balkanpolitiker. Zu Beginn der Neunzigerjahre war er ein Adlat des Regimes des serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic, um später der schärfste Gegner des Belgrader Despoten zu werden. Seine Demokratische Partei der Sozialisten hat ein Bündnis mit den Sozialdemokraten und einer Partei der kroatischen Minderheit geschlossen. Laut Umfragen könnte die Wahlliste „Für ein europäisches Montenegro – Milo Djukanovic“ zwischen 40 und 45 Prozent der Stimmen gewinnen und die absolute Mehrheit im 81 Sitze zählenden Parlament in Podgorica erreichen. Sollte dies nicht gelingen, kann Djukanovic eine Koalition mit politischen Gruppierungen der slawischen Muslime und der Albaner schließen.

Djukanovics politische Gegner sind kopflos. Sie hatten mit fast allen Mitteln gegen die Abspaltung von Serbien gekämpft – und verloren. Eine Kundgebung der proserbischen Sozialistischen Volkspartei von Predrag Bulatavic in der Hauptstadt Podgorica wirkt wie eine Trauerfeier. Etwas aktiver ist die Serbische Volkspartei, die breite Autonomierechte für die Serben verlangt. Von den 650 000 Einwohnern Montenegros bezeichnen sich etwa 30 Prozent als Serben. Dennoch liegt das proserbische Lager klar zurück in der Gunst der Wähler.

Wirklich frischen Wind in den lauen Wahlkampf hat eine neue Partei gebracht: Die „Bewegung für den Wechsel“ von Nebojsa Medojevic. Die Partei attackiert die weitverbreitete Korruption und Klientelwirtschaft des Djukanovic-Regimes. Medojevic ist einer der populärsten Politiker in Montenegro und hofft, mit Hilfe der proserbischen Parteien eine Regierung zu bilden. Doch seine Bewegung ist noch nicht im ganzen Land verankert und dürfte kaum Chancen haben, Djukanovics Herrschaft zu gefährden.

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