Politik : „Mit Anna fühlte ich mich sehr sicher“

Der britische Außenminister Jack Straw erinnert sich an seine ermordete schwedische Kollegin Anna Lindh

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Vor einer Woche haben sich der britische Außenminister und seine schwedische Kollegin zum letzten Mal gesehen. Für den Tagesspiegel erinnert sich Jack Straw an seine „gute Freundin“ Anna Lindh:

Anna Lindh war das Beste an Schweden. Bei ihr waren Stärke, Überzeugung, Zähigkeit und Freundlichkeit in glücklicher Balance. Das alles verbunden mit der wunderbaren schwedischen Tugend der Offenheit, die beinahe unschuldig ist. Ich habe Anna zuletzt am vergangenen Freitag und Samstag bei einem informellen Treffen der europäischen Außenminister in einem schönen Seeort in Norditalien getroffen. Es war immer schön, sie zu sehen. Sie erleuchtete jeden Raum, jede Unterhaltung. Sie war ein Star.

Ich habe sie nach dem EuroReferendum an diesem Sonntag in Schweden gefragt. Anna war der größte Pluspunkt der Ja-Kampagne, und sie hatte über Wochen einen sehr harten Terminplan dafür absolviert. Ich denke, ihr Chef und Freund Göran Persson, der schwedische Premierminister, wäre der Erste, der das anerkennen würde. Anna trug diese Verantwortung – und die Nachrichten über die Umfragen – mit großer Leichtigkeit. Sie zog einige Einzelheiten aus den neuesten Umfragen aus einem Stapel Papier und berichtete, wie die Lücke sich schloss. „Weißt Du, Jack, ich glaube wirklich, dass wir es schaffen können“, sagte sie und erläuterte, warum sie überzeugt war, dass sich die schwedischen Wähler am Abstimmungstag stärker bewegen und mit „Ja“ stimmen würden, wenn auch nur mit einer kleinen Mehrheit. Sie sagte das nicht aus Arroganz, sondern aus einem begründeten Glauben, dass ihre Sache auf ihre leise, prosaische Weise am Ende gewinnen würde.

Im vergangenen Jahr war ich um diese Zeit mit Anna auf Wahlkampftour für die schwedischen Parlamentswahlen. Wir sprachen gemeinsam bei einem offenen Treffen an der Universität in Lund. Für mich war das alles erfrischend normal. Wir gingen einfach hin, redeten zu einem gemischten Publikum, beantworteten Fragen und gingen wieder: Es gab kein Manuskript, keinen Protz, nur die Sache.

Und das machte Anna aus. Sie wirkte so normal, ganz im Gegensatz zu der Welt der großen Egos und des überbordenden Protokolls, in der sie sich bewegen musste. Aber ihre Fähigkeiten lagen so weit über dem Normalen.

Anna hat es besser als irgendjemand sonst geschafft, die Anforderungen der internationalen Gemeinschaft und der Innenpolitik mit denen ihrer Familie, ihres Ehemanns und ihrer beiden Kinder zu verbinden, die sie hingebungsvoll liebte. Zwischen zwei Terminen am vergangenen Freitag hat sie unsere Unterhaltung unterbrochen, um ein Gespräch von einem ihrer Kinder anzunehmen. Sie ließ alles fallen, um das Problem zu Hause zu lösen. Aber als das Treffen wieder begann, war sie vollkommen konzentriert. Sie legte präzise dar, was Schweden im neuen Entwurf für die europäische Verfassung unterstützen könnte, worüber es verhandeln würde und wo sie sich einfach nur verweigern könnte.

Anna hätte leicht Premierministerin in Schweden werden können. Sie war die beliebteste schwedische Politikerin, die, der am meisten vertraut wurde. Aber sie wäre auch für jeden Führungsposten in Europa in Frage gekommen, so groß war der Respekt und die Bewunderung für sie.

Als ich mit Anna im vergangenen Jahr in Schweden unterwegs war, fühlte ich mich sehr sicher. Die einzigen Leibwächter weit und breit waren meine. Anna war sehr erleichtert, dass sie nicht Tag und Nacht von Polizeibeamten begleitet werden brauchte. Es war ihr anzumerken, dass ihr die Fähigkeit, sich frei zu bewegen, eine natürliche Gelassenheit gab.

Einmal haben wir über den Mord an Olof Palme gesprochen. Sie sagte, und ich stimmte ihr zu, dass dies eine Ausnahme gewesen sei. Ich hoffe, dass die schwedische Offenheit erhalten bleibt. Ich fürchte aber, dass der Mord an dieser Frau des Friedens das Ende der schwedischen Unschuld bedeuten könnte. (Übersetzung: Dagmar Dehmer)

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