Politik : Mit begrenzter Hoffnung - Was die Klärung der Schuldfrage Nordirland bringt

Albrecht Meier

"Bloody Sunday" - am 30. Januar 1972 erschoss die britische Armee im nordirischen Derry 14 katholische Demonstranten. Es gibt den begründeten Verdacht, dass die Soldaten einen Schießbefehl hatten.

Nun kommt wieder alles auf den Tisch: Zeugen, Aussagen von Soldaten, selbst Mitschnitte von Amateurfunkern aus jenen Tagen sind zu hören. Nordirland muss seinen "Blutsonntag", einen der entscheidenden Eskalations-Punkte im Bürgerkrieg, noch einmal durchleiden. Denn die Schuldfrage ist nie geklärt worden. Die britische Justiz hatte damals den verantwortlichen Soldaten einen Persilschein ausgestellt.

Eine von Hass geprägte Gesellschaft kann nicht nach vorne schauen, wenn sie mit der Vergangenheit nicht abgeschlossen hat. Schlussstrich oder Aufarbeitung - diese Alternative hat sich nach dem Ende der Apartheid in Südafrika nicht gestellt, und auch für Guatemala führt der Weg zur Erneuerung nur über die Gräber der Zehntausenden Opfer im Krieg zwischen Regierung und Guerilla. In Südafrika und in Guatemala ging es um Wahrheit.

Ein "Schlussstrich" kann erst gezogen werden, wenn sich die Gesellschaft ernsthaft und öffentlich mit der Vergangenheit auseinandergesetzt hat - das ist die Lehre aus der Arbeit der Wahrheitskommissionen in Südafrika und Guatemala. Dabei gibt es keinen Königsweg. In Südafrika gab es für die Täter Straffreiheit gegen ein öffentliches Geständnis, in Guatemala geht es zunächst um eine Bestandsaufnahme der Gräueltaten von Armee und Paramilitärs - die Täter dürfen mit Anonymität rechnen.

Das "Bloody Sunday"-Tribunal mag unter dem Eindruck der vor zwei Jahren noch frischen Friedenshoffnungen zu Stande gekommen sein. Die sind inzwischen verflogen, der Prozess ist dadurch nicht einfacher geworden. Dennoch wird sich auch die protestantische Mehrheit in Nordirland dem Prozess nicht verweigern können.

Setzt mit diesem Tribunal nun auch ein Heilungsprozess in Nordirland ein? Der Prozess wird Katholiken und Protestanten in künftigen Generationen vor Geschichtsmythen schützen, das in jedem Fall. Zu großer Optimismus ist aber fehl am Platz. Wer sich an die dunklen Jahre des nordirischen Bürgerkrieges erinnern will, erinnert sich an unzählige anderer Fälle von Folter, an Haftstrafen ohne richterliches Urteil, ein nachlässiges britisches Justizsystem, aber auch an den Terror der IRA. Ein Schlussstrich ist mit diesem Prozess noch nicht gezogen.

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