Politik : Mit Bild und Namen

Wo verlaufen im Mordfall Anna Lindh die Grenzen zwischen Persönlichkeitsschutz und öffentlichem Interesse?

Sven Lemkemeyer

Sexuelle Neigungen, Vorstrafen, psychiatrische Gutachten – es gibt beinahe kein Detail über die beiden festgenommenen Männer im Mordfall Anna Lindh, das die schwedischen Medien nicht veröffentlicht haben. Der Schriftsteller und Vorsitzende des schwedischen Publizistenklubs, Jan Guillou, bezeichnete die Berichterstattung über den zunächst verdächtigten und nach acht Tagen aus der Untersuchungshaft entlassenen 35-Jährigen als „größte Verleumdungskampagne in der Geschichte Schwedens“. Und auch andere Medienexperten üben inzwischen harsche Kritik am Umgang mit dem Persönlichkeitsschutz der Männer, die verdächtigt wurden oder werden, die schwedische Außenministerin getötet zu haben.

Håkan Hvitfelt, Professor am Institut für Journalistik der Universität Stockholm, sagte dem Tagesspiegel: „Es sind ohne Frage Grenzen überschritten worden, auch von den seriösen Zeitungen. Und aus der deutschen Perspektive muss man sagen, die schwedischen Boulevardzeitungen haben eindeutig einen großen Schritt Richtung ,Bild’-Zeitung gemacht.“ Es seien nicht nur viel zu viele intime und sehr persönliche Fakten publiziert worden, sondern auch Dinge verfälscht oder gar frei erfunden worden.

Ursache für die ungehemmte Detailjagd ist nach Ansicht Hvitfelts vor allem die kritische wirtschaftliche Situation vieler Verlage und Sender sowie der stetig steigende Konkurrenzdruck durch die vielen verschiedenen Medien. „Wir haben jetzt ein völlig anderes Medienklima als zur Zeit des Palme-Mordes“, analysierte Hvitfelt. In Schweden sei der Persönlichkeitsschutz zudem nicht gesetzlich geregelt. Allerdings gebe es so genannte „Spielregeln für die Medien“. „Darin hat sich die Branche unter anderem darauf verständigt, Namen von Verdächtigen nicht zu veröffentlichen.“ Bei dem zunächst festgenommen 35-Jährigen, der nachweislich völlig schuldlos ist, haben sich die schwedischen Medien daran gehalten. Im Fall des am Mittwoch festgenommen 24-Jährigen war es am Freitag als einzige ausgerechnet die liberale Tageszeitung „Dagens Nyheter“, die in ihrer Internetausgabe ein Foto des 24-jährigen in Untersuchungshaft sitzenden Mannes zeigte und seinen vollen Namen nannte. „Natürlich hatten wir seit der Ermordung von Olof Palme kein solches Ereignis mehr“, sagte Hvitfelt. „Aber der Vorgang ist in der Tat bemerkenswert. Es ist das erste Mal, dass bei einem so spektakulären Fall so vorgegangen wird“, kritisierte der Medienfachmann.

Dass die schwedische Öffentlichkeit trotz der durch die Staatsanwaltschaft verhängten Nachrichtensperre so detailliert über beide Männer informiert werden konnte, ist auch eine Folge des in Schweden geltenden Öffentlichkeitsprinzips. Danach müssen Gerichtsakten allen Bürgern genauso zugänglich gemacht werden wie Steuererklärungen oder Adressen. Außerdem gilt es in Expertenkreisen als offenes Geheimnis, dass auch in Schweden einige Fahnder ihr Gehalt aufbessern, indem sie Informationen vor allem an die Boulevardpresse weitergeben. „Wie sonst“, fragte ein Branchenkenner, „sind die Zeitungen zum Beispiel zu ihren Fotos von der Verhaftung des 35-Jährigen vor dem Fußballstadion gekommen?“

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