Politik : Mit dem Messer – auch gegen Nachbarn

Viele Iraker bewaffnen sich: die meisten, um zu plündern – manche, um zu schützen

Asne Seierstad[Bagdad]

„Ich will meine Hände zurückhaben!“ Bagdad ist eine Stadt, in der niemand mehr regiert. Auf den Straßen herrscht das Chaos, die Plünderungen greifen immer weiter um sich und mit ihnen die allgemeine Unsicherheit. In Saddam City haben die Bewohner selbst Straßensperren errichtet aus Angst, dass die Soldaten des ehemaligen Regimes zurückkommen könnten. Aber einige haben gar nicht mitbekommen, dass die Stadt Bagdad über Nacht ihr Gesicht verändert hat.

Drei junge Männer werden mit auf dem Rücken gefesselten Händen durch das Entree des Krankenhauses in dem Stadtteil, der früher einmal Saddam City hieß, geschleift. Am Krankenhaus wimmelt es von Menschen, einige mit Waffen, andere ohne. Die Leute scharen sich alle um ihren Fang, und die drei Männer schauen verängstigt in die Menge. Sie wurden mit Sprengstoff am Körper aufgegriffen, als sie versuchten, an einer Straßensperre vorbeizukommen. Außerdem hatten sie noch mehrere Granaten bei sich.

Das sind Saddams Männer, sagt ein Zuschauer. „Sie sind gekommen, um zu töten, und nicht, um uns zu verteidigen.“ Ein Mann zieht einen langen Säbel und folgt ihnen. Zwei weitere halten Pistolen in Händen. Von den Amerikanern ist in der Revolutionsstadt kaum etwas zu sehen. Hier herrscht das Chaos. Das Krankenhaus hat ein Scheich übernommen, ein heiliger Mann. „Ich habe um die Klinik herum vier Straßensperren aufbauen lassen“, sagt Scheich Said Ali al-Musawi. „Das hier ist jetzt das einzige Krankenhaus in der Stadt, das nicht geplündert worden ist. Die anderen sind von sämtlichen Ärzten verlassen worden, die Patienten haben sie woandershin verlegt. Alles von Wert ist verschwunden, das soll hier nicht auch passieren.“

Die meisten Ärzte verließen das Krankenhaus in Saddam City, als die Straßenkämpfe begannen. „Hier war es nicht mehr sicher, die Anarchie herrschte, also gingen sie nach Hause“, erzählt der Oberarzt Mowafak Gorea. „Aber 22 der 120 Ärzte, die wir einmal hatten, sind noch da und zwar die Besten.“ Ein paar Tage lang gab es im Krankenhaus keinen Strom und kein Wasser mehr. Jetzt ist die Wasserversorgung wieder hergestellt, aber die Klinik ist weiterhin auf ihre drei Generatoren angewiesen. „Einer ist schon kaputt. Wenn noch einer den Geist aufgibt, geht nichts mehr. Die gesamte Ausrüstung ist schon mehrere Jahrzehnte alt. Wie lange die noch durchhält, ist ungewiss“, sagt der Arzt.

Chaos auf den Straßen Bagdads und plündernde Iraker, die mit ihrer Beute durch rauchende Trümmer ziehen. Das sind die Bilder, die die US-Regierung vermeiden wollte. Die US-Soldaten, die in nur drei Wochen die irakische Armee besiegten, schauen teilnahmslos zu. Das Weiße Haus und das Pentagon in Washington geben sich nach außen hin ungewöhnlich gelassen. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld zeigt Verständnis für die chaotischen Zustände.

Er erklärt sie mit dem Übergang von Jahrzehnten der Unterdrückung zu einer freien Gesellschaft. Sie seien zwar bedauerlich, aber als „Preis“ zu akzeptieren. Auch Präsidentensprecher Ari Fleischer meint, die Plünderungen seien verständlich, während im Hintergrund auf den Bildschirmen brennende Gebäude zu sehen sind. Mit der Zeit werde Recht und Ordnung schon wieder hergestellt, fügt er optimistisch hinzu. Wie dies allerdings geschehen soll, lässt Fleischer offen. Er verweist dabei lediglich auf das von Briten kontrollierte Basra, wo die Plünderungen nach einer Weile nachgelassen hätten.

Eine Erklärung für die Zuschauerrolle der US-Truppen gibt General Stanley McChrystal. „Wir können einfach nicht alles gleichzeitig machen“. Jetzt sei es erst einmal wichtig, die Reste der Republikanischen Garde und der paramilitärischen Einheiten auszuschalten, weil diese im Gegensatz zu den Plünderern eine wirkliche Bedrohung darstellten. Ex-Pentagonsprecher Ken Bacon will diese Erklärung nicht akzeptieren. Es gebe im Irak jetzt ein Machtvakuum, das zu erwarten gewesen sei. Das Pentagon hätte einfach Militärpolizei nach Bagdad schicken sollen und auch mehr Truppen, meinte Bacon.

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