• Mit dem populären Skirennfahrer Patrick Ortlieb als Listenzweitem geht der "Freiheitliche" Haider auf Stimmenfang

Politik : Mit dem populären Skirennfahrer Patrick Ortlieb als Listenzweitem geht der "Freiheitliche" Haider auf Stimmenfang

Friedhard Teuffel

Es fing damit an, dass Patrick Ortlieb im Januar auf der Streif in Kitzbühel stürzte: Oberschenkelhalsbruch, Ende einer erfolgreichen Skirennfahrerkarriere. Es ging damit weiter, dass ein Landespolitiker der FPÖ Ortlieb freundschaftlich zuredete, sich in der Politik zu versuchen. Und besiegelt wurde alles in einem Gespräch mit dem großen Vorsitzenden der Freiheitlichen Partei Österreichs, Jörg Haider. Damit hatte sich der 32-jährige Ortlieb auf eine neue, politische Schussfahrt eingelassen. Der Olympiasieger und Weltmeister geht ins Rennen um die Macht in Österreich, als Kandidat der FPÖ für die Nationalratswahl am 3. Oktober.

Jetzt hat Haider also auch Patrick Ortlieb erwischt, den Skistar, der von Journalisten so gerne "der Intellektuelle" genannt wird, weil er sich Gedanken mache um den Skizirkus. Er hat ihn gewinnen können für Platz zwei der Bundesliste, als Portier, der ihm die Türe zu weiteren Salons öffnet, zu neuen Wählermärkten.

Ortlieb ist ein "Heimatbursch" aus Lech am Arlberg. Im Skihotel "Montana", das er gemeinsam mit seinen Eltern führt, hängt seine olympische Abfahrts-Goldmedaille von 1992. Zwei Töchter hat er. Ortlieb auf der Liste zu haben, bedeutet viele, viele Stimmen mehr. Das weiß auch der Skifahrer: "Ich sehe mich als Botschafter für Leute, die sich bislang nicht getraut haben. Jetzt sehen sie: Eigentlich ist doch gar nichts dabei."

Es ist wirklich nichts mehr dabei, sich in Österreich zur FPÖ zu bekennen. Die jüngsten Umfrageergebnisse sagen ihr bis zu 30 Prozent für die Nationalratswahl voraus. Damit liegt sie hinter der SPÖ auf Platz zwei, deutlich vor der konservativen ÖVP. Fast die Hälfte aller Österreicher hält die FPÖ für regierungsfähig. Längst ist der öffentliche Widerstand gegen FPÖ-Chef Haider gebrochen. Als er vor sechs Jahren mit einem Volksbegehren gegen Ausländer ins Feld zog, fanden noch Lichterketten statt. Mit Haider, dem Hetzer und Verführer, wollte keiner etwas zu tun haben. Heute lächelt Patrick Ortlieb an seiner Seite von Plakaten und sagt, dass man vom "Doktor Haider" viel lernen könne.

Offenbar ist es schick geworden, sich für die FPÖ zu engagieren auf der rechten Seite des österreichischen Parteienspektrums. Ortlieb sagt, er habe wie viele andere die Nase voll von 13 Jahren SPÖ-ÖVP-Koalition, von Postenschacher und "Freunderlwirtschaft". Hinter solchen Aussagen steckt ein populistisches Politikverständnis. Nicht nur in der jüngeren Generation, sondern auch am Stammtisch wird es gut ankommen, wenn der Skifahrer erklärt: "Ich habe viele Politiker nur bei Ehrungen von Sportlern gesehen, wenn sie sich fotografieren lassen können. Aber die sollen arbeiten. Deshalb tut es vielleicht gut, dass ihnen einer die Daumenschrauben anlegt."

Ortliebs Kandidatur steht für Zweierlei: für den Aufstieg der FPÖ in Regierungsnähe und für den Populismus der "Freiheitlichen". Während Bundeskanzler Viktor Klima derzeit mit dem Gedanken spielt, nach der Wahl ein "Kabinett der besten Köpfe", eine Art Expertenregierung, zu berufen, hat Haider eine Liste der populären Köpfe aufgestellt, mit der ehemaligen ORF-Moderatorin Theresia Zierler auf Platz drei und auf Platz zwei eben mit Patrick Ortlieb.

Der Sportler ist viel herumgekommen. Und trotzdem als Ski-Weltbürger der nationalen FPÖ in die Arme gelaufen, einer Partei, die auf Ressentiments setzt und auf deren Plakaten in Wien "Stop der Überfremdung", "Stop dem Asylmissbrauch" und "Österreich zuerst" zu lesen ist. Warum nur? Da lächelt Ortlieb und sagt dann: "Das Thema wird in anderen Ländern wie Liechtenstein, der Schweiz und den USA viel rigoroser behandelt. Österreich ist nicht ausländerfeindlich." Aber von sieben Millionen Menschen seien immerhin eine Million Ausländer, und dazu kämen auch noch Hunderttausende Illegale. "Man muss die Lage beruhigen", sagt er - obwohl die "Nettozuwanderung" in Österreich gegen Null tendiert.

Haider und die FPÖ biegen und dehnen sich. Sie sprechen nicht mehr nur die Verlierer der Modernisierung an, kleine Händler, Rentner und Arbeiter. "Eine fundamentale Transformation des Erscheinungsbildes" hat der Politikwissenschaftler Professor Fritz Plasser von der Uni Innsbruck ausgemacht, das Bemühen, "sich zu moderieren und mit Sachthemen auseinanderzusetzen". Die FPÖ sei differenzierter geworden und auch fast nicht mehr zu vergleichen mit den Republikanern oder der DVU in Deutschland. Gleichwohl stehe die FPÖ mit ihrer Ausrichtung konträr zu aller Integration, schüre Ängste und arbeite mit negativen Mobilisierungsfaktoren. Bei weiterem Einflussgewinn der "Freiheitlichen" befürchtet Plasser eine Vergiftung des politischen Klimas.

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