Politik : "Mit dem Rücken zur Kunst": Kunst als Kürzel der Macht

Nicola Kuhn

Was verbindet die Juso-Vorsitzende mit dem Vorstandssprecher der Deutschen Bank? Auf den ersten Blick nicht allzu viel. Doch beide haben sich für ihren Medienauftritt vor dem Hintergrund zeitgenössischer Kunst fotografieren lassen, und beide senden mittels solch optischer Signale durchaus vergleichbare Botschaften aus. Denn wer sich mit aktueller Kunst umgibt, der gilt als energisch, dem Neuen aufgeschlossen, durchsetzungsfähig, intelligent. Die heutige Wirtschafts- und Politikelite hat ihre neuen Machtinsignien gefunden; nicht etwa unbekannte, denn mit Kunst haben sich Potentaten seit jeher als Ausweis ihrer Stärke umgeben, doch seit Erschließung neuer Märkte und veränderter politischer Bedingungen unter anderen Vorzeichen und mit überraschenden Bedeutungsverschiebungen.

Der Münchner Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich hat dazu eine bemerkenswerte Analyse der "Neuen Statussymbole der Macht" vorgelegt. Aus einem Vortrag sowie einer Vorlesung an der Münchner Akademie der Künste erwachsen, hält er Unternehmern und Politikern gleichermaßen den Spiegel vor, die - womöglich nicht immer bewusst - Kunst für ihre Zwecke instrumentalisieren.

Der offene Kamin, die gediegenen Möbel und als Wandschmuck das Konterfei des Firmengründers haben seit Mitte der achtziger Jahre ausgedient und gestyltem Ambiente sowie Avantgardekunst Platz gemacht als Ausweis dafür, dass die neuen Wirtschaftskapitäne auch vor den neuen Anforderungen bestehen. In der Politik hingegen beginnt sich dieser Imagewechsel gerade erst zu vollziehen. Gerhard Schröder setzte hier ein deutliches Signal, als er sich 1998 für den "Spiegel" Zigarre rauchend vor einem schwarz-roten Bild von Lienhard von Monkiewitsch ablichten ließ. Der Kanzlerkandidat empfahl sich hier als neuer Manager der Nation. Das in großzügigen Formen gemalte Gemälde besaß ähnliche Signalwirkung wie sonst Politparolen, die bei Parteitagen den Hintergrund bilden, nur dass hier keine Inhalte, sondern das Image eines neuen Politikertypus transportiert werden sollte.

Lesenswert und erfrischend wird aber Wolfgang Ullrich Untersuchung durch zweierlei: seine akribischen Bildbeschreibungen samt ikonografischer Entschlüsselungen, die eines Kunsthistorikers würdig sind, sowie seine intime Kenntnis als Unternehmensberater, der nur zu gut über die verquasten Vorstellungen von Kunst am Arbeitsplatz Bescheid weiß. So eröffnen sich ungeahnte Parallelen zwischen einem Reiterstandbild etwa von Diego Velázquez und dem kühn vor einem Förg-Gemälde posierenden Vorstandssprecher der Deutschen Bank und der kess mit Kunst kokettierenden Juso-Vorsitzenden. Denn ähnlich wie im 17. Jahrhundert der Herrscher hoch zu Ross wollen auch Rolf Breuer und Andrea Nahles in diesen Selbstinszenierungen Aufbruch, Dynamik, Befehlsgewalt signalisieren. Und ähnlich wie in früheren Zeiten Raumfluchten und Reichtum zur Einschüchterung der Schlossbesucher dienten, soll auch die für Laien unverständliche abstrakte Kunst für gebührenden Abstand sorgen. In diesem Punkt allerdings geht mit dem Autor die gerade entdeckte Rhetorik des modernen Herrscherbildnisses durch. Ullrich wirkt immer dann überzeugend, wo er die Versuche von Managern und Politikern enthüllt, sich mit zeitgenössischer Kunst zugeordneten Eigenschaften zu bemänteln. Der Ideologe in ihm bricht sich jedoch Bahn, wenn er dahinter auch noch perfide Unterdrückungsmechanismen gegenüber ungebildeteren Angestellten wähnt.

Sein Buch dürfte eine provokante Lektüre nicht nur für jene Machtelite sein, die sich bislang ungeschoren der Aura abstrakter Malerei bediente, sondern auch arglose Liebhaber treffen, die einen solchen Absturz autonomer Kunst nicht für möglich hielten. Ullrich weist nach, dass die Künstler sich durchaus willentlich auf den Deal mit der Macht einlassen und ihr angestammtes Terrain in den Museen und Galerien verlassen, um an den neuen Möglichkeiten zu partizipieren. Dem Sog der Macht können sich nur wenige entziehen. Ullrich missdeutet dies als Machtgewinn für die Kunst. Das Gegenteil ist der Fall, wie sein Ziehvater Walter Grasskamp bemerkt. Zu den wenigen, die sich der Usurpation der Kunst entgegenstemmen, gehört der Konzeptkünstler Hans Haacke. Seine Erwähnung erinnert an eine große Lücke in Ullrichs Untersuchung.

Vollkommen unerwähnt bleiben auch jene millionenschweren Ankäufe in jüngster Zeit, die nun Reichstag, Ministerien und Regierungsgebäude schmücken. Längst geht es nicht mehr um individuelle Selbstdarstellung, sondern ganze Parteien, ja eine Nation sucht mit Hilfe moderner Kunst Weltoffenheit, Toleranz, Zukunftsorientiertheit unter Beweis zu stellen. Bestes Beispiel dafür ist die jüngst vor dem Bundeskanzleramt aufgestellte Skulptur von Eduardo Chillida. Da braucht es nicht einmal mehr den davor posierenden Kanzler. Die Kunst ist zum Kürzel seiner Politik geworden.

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