Politik : Mit ihrer Stimme

Einer ist Bankkaufmann, ein anderer Sohn eines Lokomotivführers: Wer sind die sechs wahlberechtigten Kardinäle aus Deutschland?

Martin Gehlen

Joseph Ratzinger

Mehr als zwei Jahrzehnte lang gehörte Kardinal Joseph Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation zu den mächtigsten und konservativsten Männern im Vatikan. Er ist für die Interpretation und Verteidigung der katholischen Lehre zuständig. Seine Karriere begann auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil, wo er als „theologischer Teenager“ geistige Vorarbeit leistete für die überfällige Öffnung der katholischen Kirche. Heute bringt der 78-Jährige die Wandlung vom fortschrittlichen Konzilstheologen zum konservativen Kirchenfürsten in Verbindung mit „bestimmten Erlebnissen mit der studentischen Linken, die aus der katholischen Theologie hervorgegangen waren“. Die Universität Tübingen war in den Sog der 68er-Studentenbewegung geraten, und Ratzinger wurde von „Rollkommandos“ systematisch niedergebrüllt. Später sprach er vom „Ungeist des Konzils“, womit er eine „unkritische Öffnung der Kirche zur Welt und zum Zeitgeist“ meinte. 1927 in Oberbayern geboren, studierte er in Freising und München Philosophie und Theologie. Mit 31 Jahren stand der Hochbegabte als Professor für Dogmatik am Katheder und lehrte an den Universitäten Freising, Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg. 1977 ernannte ihn Papst Paul VI. zum Kardinal und Erzbischof von München-Freising. Vier Jahre später wechselte er nach Rom.

Walter Kasper

Kardinal Walter Kasper ist Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen und gehört damit zu den kirchenpolitischen und diplomatischen Schwergewichten im Vatikan. Der Sohn eines Lehrers wurde 1933 in Heidenheim/Brenz geboren. Drei Jahre lang war er in Tübingen Assistent bei dem später von Rom gemaßregelten Hans Küng, bevor er sich 1964 habilitierte. Im gleichen Jahr wurde er als 31-Jähriger zum Professor für Dogmatik in Münster berufen. 1970 wechselte er an die Universität Tübingen, wo er bis zu seiner Weihe zum Bischof von Rottenburg-Stuttgart im Jahr 1989 lehrte. Als Bischof warnte er vor dem Versuch, die Kirche an die eigenen Wunschvorstellungen oder die Plausibilitäten der Welt anzupassen. Öffentliche Kritik übte er an der Praxis des deutschen Asylrechts und an den Diskussionen über Sonn- und Feiertagsarbeit. Im März 1999 wurde Kasper von Papst Johannes Paul II. in den Vatikan berufen und zählt dort zu den eher reformoffenen Kräften. Am Reformationstag 1999 gehörte er zu den Mitunterzeichnern der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre vom Lutherischen Weltbund und der katholischen Kirche. Zwei Jahre später ernannte ihn der Papst zum Kardinal.

Karl Lehmann

Geworden ist er fast alles, was man in der katholischen Kirche erreichen kann: ein international bekannter Theologe, Bischof und Kardinal, ein gefragter Gesprächspartner von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Lehmann, vor 68 Jahren in Sigmaringen geboren, ist der wohl bekannteste und populärste deutsche Geistliche. Lehmann ist Kardinal und Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz, an deren Spitze er seit fast 18 Jahren steht. Er ist ein Mann des Dialogs, zuweilen bis an den Rand der Selbstverleugnung. Das hat ihm den Vorwurf eingebracht, ihm mangele es an Kampfgeist. Lehmanns Ernennung zum Bischof von Mainz hat Johannes Paul II. unterschrieben. Seitdem sind seine Initiativen oft auf Missfallen gestoßen. Mal schlug er vor, in begrenztem Maße verheiratete Männer als Priester zuzulassen. Mal verschwieg er nicht seine Überzeugung, dass der Papst die Kirche zu zentralistisch führe. Dafür demütigte Rom ihn immer wieder. Erst 2001 entschied sich die Kurie, Lehmann nachzunominieren. An der Einstellung hat dies nichts geändert. Johannes Paul II. habe Unglaubliches geleistet, sagt er. Bei aller Kritik an der Sache: Als Rebell gegen Rom hat er sich nie verstanden.

Georg Sterzinsky

Kardinal Georg Sterzinsky ist konfliktscheu. Das sagt er selbst. Seinem Erzbistum hat das schwer geschadet. Obwohl sich die Überschuldung abzeichnete, hat Sterzinsky oft nachgegeben und gestrichene Stellen doch genehmigt. Wenn es um das Schicksal von gesellschaftlich Benachteiligten geht, hat er mehr Konflikte riskiert. Das Verhalten der Unionsparteien beim Ausländergesetz nannte er eine „Schande“. Er hielt ihnen vor, ihre Ausländerpolitik sei ungerecht und nicht christlich. Sterzinsky ist selbst ein Flüchtling. Er stammt aus Ostpreußen. Als er drei Jahre alt war, begann der Krieg, die Eltern verschlug es mit ihren sechs Kindern nach Thüringen. Seine Mutter starb früh, Hunger und Armut hat er erlebt „bis in die Jugendjahre“. Nach dem Theologiestudium in Erfurt wurde er 1960 zum Priester geweiht. Zunächst war er Kaplan in Eisenach, dann Pfarrer in Jena und nach 1981 Verwaltungschef im Bistum Erfurt. Kurz vor dem Fall der Mauer wurde er zum Oberhirten der Berliner Katholiken geweiht. Nach der Wende trat er für seine ehemaligen DDR-Landsleute ein und forderte Chancengleichheit und soziale Sicherheit. 1991 ernannte Johannes Paul II. ihn zum Kardinal.

Friedrich Wetter

Kardinal Friedrich Wetter, Erzbischof von München und Freising, wurde 1928 in Landau als Sohn eines Lokomotivführers geboren. Nach der Schule studierte er an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und wurde 1953 zum Priester geweiht. Drei Jahre später promovierte er, anschließend arbeitete er als Kaplan der Pfarrei St. Josef in Speyer. 1958 wechselte Wetter an das Priesterseminar St. German in Speyer, 1962 wurde er Dozent für Fundamentaltheologie an der heutigen Katholischen Universität Eichstätt. 1968 ernannte ihn Papst Paul VI. zum Bischof von Speyer. 14 Jahre lang leitete er diese Diözese und bemühte sich um eine gute Zusammenarbeit mit der evangelischen Landeskirche sowie den jüdischen Gemeinden. 1982 ernannte Papst Johannes Paul II. ihn als Nachfolger von Kardinal Ratzinger zum Erzbischof von München-Freising. Die Kardinalswürde erhielt er drei Jahre später. Am Herzen lag ihm in den letzten Jahren der Wiederaufbau der Kirche in Mittel- und Osteuropa.

Joachim Meisner

Kardinal Joachim Meisner ist Erzbischof von Köln und wurde 1933 in Breslau geboren. Der Vater starb im Zweiten Weltkrieg, die Mutter floh mit ihren vier Söhnen nach Thüringen. Nach der Schule machte Meisner eine Lehre als Bankkaufmann. Im Jahr 1951 trat er in das Seminar in Magdeburg ein. Dort holte er das Abitur nach und studierte Theologie. 1975 ernannte ihn Papst Paul VI. zum Weihbischof von Erfurt-Meiningen, wo er den Krakauer Erzbischof Karol Wojtyla und späteren Papst Johannes Paul II. kennen lernte. 1980, anderthalb Jahre nach der Wahl zum Oberhaupt der Katholischen Kirche, berief Johannes Paul II. den wenig bekannten Meisner überraschend auf den Berliner Bischofsstuhl. Drei Jahre später ernannte ihn sein Mentor zum Kardinal. 1989 setzte ihn Johannes Paul II. dann als Erzbischof der Domstadt durch – erneut gegen den Willen des Domkapitels. Meisner zeigt sich als bedingungsloser Gefolgsmann des Papstes und selbst ernannten „Hüter der reinen Lehre“. So empfahl er der CDU, das „C“ aus ihrem Namen zu streichen, wenn sie nicht fähig sei, ein klares Votum für das ungeborene Leben abzugeben. Meisner nannte die Abtreibungspille RU 486 „ein Tötungsinstrument“ und verglich ihre Anwendung mit der Ermordung der Juden durch das Giftgas Zyklon B beim Holocaust. Jüngst erst löste sein Vergleich zwischen Abtreibungen und den Verbrechen Hitlers und Stalins Empörung aus. In der Bischofskonferenz gilt Meisner als isoliert.

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