Politik : Mit Kampfhubschraubern in einen verkappten Bodenkrieg

THOMAS GACK

BRÜSSEL ."Das ist schlicht und einfach eine Ausweitung unserer Luftschläge", wiegelt am Dienstag ein NATO-Offizier ab.Die Verlegung von 24 Apache-Kampfhubschraubern der US-Armee nach Albanien bedeute nicht, daß die NATO jetzt den Krieg im Kosovo auf dem Boden führe.Auch die zusätzliche Stationierung von NATO-Truppen an den Grenzen zum Kosovo sei kein Schritt in Richtung des Einsatzes von Bodentruppen."Die Ziele der Atlantischen Allianz sind unverändert", versichert der NATO-Sprecher Jamie Shea."Wir stehen bereit, um nach einem Friedensabkommen die Vereinbarungen im Kosovo umzusetzen und die Sicherheit der Bevölkerung zu garantieren.Aber wir haben keinen Auftrag, irgendwelche Pläne für Landoperationen zu entwickeln", wiederholen auch die hohen Brüsseler Militärs gebetsmühlenartig.

Doch in den USA wird die öffentliche Debatte über den Einsatz von Bodentruppen immer lauter.In Brüssel räumen unterdessen Militärexperten ein, daß die NATO mit dem Einsatz von Kampfhubschraubern gegen serbische Bodentruppen im Kosovo-Krieg ein Schwelle überschreite.Zum erstenmal in den zwei Wochen alliierter Luftschläge tragen die Besatzungen das Grün der Armee.Die zwei Batallione AH-64 Apache Kampfhubschrauber vom 11 US-Luftregiment, die bisher in Deutschland in Illesheim stationiert waren, werden aus Albanien tief in das Kosovo vorstoßen können, um wenige Meter über der Erde fliegend hinter den serbischen Linien Panzer, Fahrzeuge, serbische Bodentruppen und Artillerie gezielt zu bekämpfen."Die Angriffe im Kosovo werden jetzt eine neue Dimension bekommen", meint ein Militärexperte in Brüssel.

Die Risiken, daß die Nachbarstaaten in den Konflikt gezogen werden, könnten nach der Stationierung von NATO-Einheiten in Albanien zunehmen, so fürchten politische Beobachter in Brüssel.Am Dienstag hat der NATO-Sprecher das Belgrader Regime nachdrücklich vor Angriffen auf Albanien gewarnt.Zum Schutz der Hubschrauber-Einheiten wird die US-Armee zusätzlich 18 Boden-Boden-Raketenabschußrampen an der Grenze stationieren, die aus Babenhausen nach Albanien verlegt werden - zusammen mit Bodentruppen, die für den Schutz dieser Einheiten sorgen sollen.

Offenbar denkt man inzwischen darüber nach, ob die NATO nicht nach einem Waffenstillstand auch ohne ein formell unterschriebenes Friedensabkommen die Rückkehr der Flüchtlinge in das Kosovo militärisch absichern müßte.Das könnte nur mit Bodentruppen geschehen.NATO-Schutztruppen für ein "UN-Protektorat Kosovo"? Für diese militärische Aufgabe nach dem Waffenstillstand wäre dann vermutlich eine kleinere Streitmacht nötig als in den Überlegungen für eine NATO-Interventionsarmee, die ursprünglich auf mehr als 100 000 Mann berechnet wurde.60 000 Mann könnten, so meinen NATO-Offiziere, bei diesem Einsatz ausreichen.

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