Politik : Mit Kind und Köhler

Der Bundespräsident will sich nun selbst um die Familienpolitik kümmern – weil das Klima in Deutschland nicht kinderfreundlich ist

Hans Monath,Tissy Bruns

Berlin - Wenn sich der Bundespräsident einer Sache annimmt, kann er allein mit seiner Autorität politische oder gesellschaftliche Prozesse oft beschleunigen. Am kommenden Montag beschäftigt sich der erste Mann im Staate intensiv mit Vorschlägen, wie Deutschland zu einem kinderreicheren und -freundlicheren Land gemacht werden kann. Horst Köhler hat für diesen Tag einen kleinen Kreis zu Beratungen geladen – neben Familienministerin Renate Schmidt (SPD) die beiden wichtigsten Protagonisten einer familienfreundlicheren Arbeitswelt, DIHK-Präsident Georg Ludwig Braun und DGB-Chef Michael Sommer sowie einen Wissenschaftler, einen Vertreter der Kommunen sowie die Spitzen zweier wichtiger Stiftungen. Thema sollen vor allem die von der Ministerin angeschobenen Initiativen der Allianz für Familie mit ihren lokalen Bündnissen sein. Köhler folgt damit seiner Ankündigung, die Familie zu einem Schwerpunkt seiner Amtsführung zu machen.

„Wie kommt es, dass wir immer weniger Kinder haben?“, hatte Köhler in seiner ersten Rede unmittelbar nach der Wahl gefragt. Die Familienzeitschrift „Eltern“ ist dieser Frage in Zusammenarbeit mit den Meinungsforschungsinstituten Forsa und Allensbach nachgegangen und hat in dieser Woche die Ergebnisse vorgelegt. Die Familie ist für viele Menschen das Wichtigste im Leben, dieser Befund hat sich seit der letzten Studie aus dem Jahr 2002 sogar noch verstärkt. Doch die Initiatoren der Studie stellen eine wachsende Diskrepanz fest: „Kinder machen glücklich, sagen Eltern, Kinderlose assoziieren Lebensglück jedoch nur selten mit Kindern.“ Für 85 Prozent der Eltern gehören Kinder einfach zum Leben dazu, während nur 17 Prozent der Kinderlosen ihre Vorstellung von Lebensglück mit Kindern verbinden. Das Lebensgefühl in Deutschland, so Renate Köcher vom Allensbach-Institut, sei nicht einladend, um eine Familie zu gründen. Sie verwies auf das immer enger werdende „Zeitfenster“. Denn signifikant in Deutschland ist nicht nur die in den letzten vierzig Jahren halbierte Zahl der Geburten, sondern die hohe Zahl von Frauen, die kinderlos bleiben. In Deutschland ist es mittlerweile ein Drittel, in Frankreich sind es nur neun Prozent. In nur zehn Jahren hat sich das Durchschnittsalter der erstgebärenden Frauen um zwei Jahre auf 29,3 Jahre erhöht. Viele Wünsche nach einem Kind bleiben unerfüllt, weil die Entscheidung zu spät fällt.

Ein kinderfreundliches Klima in der Gesellschaft, dieser Wunsch steht bei Menschen, die gern ein Kind bekommen würden, an erster Stelle – gefolgt von Wünschen nach mehr finanzieller Unterstützung und kostengünstigeren Kinderbetreuungsplätzen. Bei der Entscheidung gegen Kinder stehen sehr persönliche Gründe obenan. Warum können Sie sich im Moment nicht vorstellen, ein Kind zu bekommen? 44 Prozent der Befragten antworten, dass ihnen der geeignete Partner fehlt und ebenso viele antworten: „Weil ich auch ohne Kinder mit meinem Leben zufrieden bin.“ Es folgen die Sorge um den Arbeitsplatz und die Unabhängigkeit.

Viel junge Menschen hätten Angst vor der Verantwortung, die eine Familiengründung bedeute, bewertete „Eltern“Chefredakteurin Marie-Luise Lewicki die Ergebnisse. Der Eindruck von 75 Prozent der Kinderlosen, dass in Deutschland ein kinderfeindliches Klima herrsche, wird von den Eltern verstärkt. Ihre Kinder würden in Geschäften und Restaurants als störend empfunden, sagt fast die Hälfte. Und die Probleme am Arbeitsplatz sind noch gravierender: Rund 50 Prozent der Eltern klagen über verständnislose Chefs, wenn es um Überstunden geht. Und 42 Prozent der berufstätigen Mütter empfinden Kinder als klare „Karrierehemmer“.

Von der Politik fordern die Initiatoren einen neuen familienpolitischen Ansatz: „Familienpolitik muss alle Politikbereiche durchdringen.“ Allensbach-Chefin Renate Köcher bescheinigte Familienministerin Schmidt, dass sie mit ihrem „Mix“ richtig liege.

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