Politik : Mit Kreativität und Pragmatismus

Junge Menschenrechtsaktivisten in China arbeiten zwischen Repression und Spektakel.

Sophia Sabrow

Peking - Chinas neue Führung gibt sich unnachgiebig: Korruption, Bestechung und Disziplinarvergehen sollen rigoros geahndet werden. Selbst Politstars wie dem einstigen Spitzenfunktionär Bo Xilai wird der Prozess gemacht. Das klingt nach Aufklärungsbereitschaft. Mit zivilgesellschaftlicher Freiheit hat das in der Regel aber wenig zu tun. Doch genau dafür kämpfen Aktivisten. Sie sind jung und unerschrocken; und sie wollen etwas verändern in einem Land, in dem die Regierung lange Zeit alle Bereiche des öffentlichen Lebens dominiert hat. Doch vor allem sind Chinas neue Menschenrechtsaktivisten eines: kreativ.

Zum Beispiel Xiong Jing. Schon seit ihrer Jugend wusste die heute 24-Jährige, dass sie sich für Frauenrechte engagieren will. Sie studierte Gender Studies in Hong Kong und arbeitet nun bei der feministischen Nichtregierungsorganisation „Media Monitor for Women Network“ in Peking. Ihr Hauptthema ist häusliche Gewalt, die geradezu normal in China sei: „Es gibt ein Sprichwort, das besagt: Schläge bedeuten Innigkeit, Anbrüllen Liebe“, erzählt sie kopfschüttelnd. Dagegen will sie kämpfen, nur wie?

Staatliche Autoritäten stehen jeglicher Form von bürgerrechtlichem Engagement kritisch gegenüber. Demonstrationen löst die Polizei normalerweise sofort auf; Aktivisten werden regelmäßig verhaftet oder „verschwinden“. Zudem kontrolliert die Regierung die Presse und zensiert zahlreiche Medien. Dennoch gelingt es Menschenrechtlern immer wieder, auf sich aufmerksam zu machen.

So startete Xiongs Gruppe im November in Sina Weibo (der chinesischen Variante von Twitter) eine Aktion gegen häusliche Gewalt, die an die ukrainische Gruppe Femen erinnerte: Mehr als 20 Frauen posteten Nacktfotos von sich und schrieben mit Kunstblut Botschaften auf ihre Körper. Obwohl die Bilder Aufsehen erregten, wurden sie kaum zensiert.

In China gibt es kein Gesetz, das häusliche Gewalt verbietet. Daher sammelt die Gruppe Unterschriften für einen Brief an die Regierung, in dem sie eine eindeutige Gesetzgebung fordert. In einer weiteren Kampagne brachen Xiong und ihre Kollegen ein weiteres Tabu: Bei der Aktion „bloody bride“ zogen sie in blutbeschmierten Brautkleidern los – auf den Tiananmen Platz. Seitdem das Militär dort 1989 gewaltsam die Demokratiebewegung niederschlug, ist der Platz zum Inbegriff für Chinas Repression geworden. Er wird rund um die Uhr überwacht, Proteste sind streng verboten. Doch die Feministinnen blieben zunächst unbehelligt. Erst nach einiger Zeit nahm man ihnen ihre Schilder weg und bat sie zu gehen.

Bislang ist Xiong bei ihren Aktionen von staatlicher Gewalt verschont geblieben. Eine ihrer Kolleginnen von der Polizei wurde allerdings drangsaliert und musste schließlich Peking für mehrere Monate verlassen. Dass aufsehenerregende Aktionen harte Konsequenzen haben können, musste auch Ye Haiyan erfahren. Die bekannte Feministin demonstrierte dafür, einen Schulleiter zu bestrafen, der sechs Mädchen vergewaltigt haben soll. Auf ihrem Plakat stand: „Schulleiter, nimm ein Zimmer mit mir, lass unsere Schülerinnen in Ruhe.“ Das Bild wurde tausendfach gepostet. Doch seitdem wurde Ye mehrfach tätlich angegriffen und wochenlang inhaftiert.

Protest in China ist eine Gratwanderung. „Wir können nur überleben, wenn wir uns in einem Bereich zwischen Opposition und Kooperation mit der Regierung bewegen“, sagt Li Dan pragmatisch. Der 35-Jährige ist Gründer des Dongjen Zentrums für Menschenrechtsbildung. Nach einem Skandal mit Bluthandel in Zentralchina, bei dem sich Hunderttausende mit dem HI-Virus infizierten, gründete Li 2003 eine Schule für Aids-Waisen. Sie wurde nach kurzer Zeit von der Regierung geschlossen, um die Angelegenheit zu vertuschen. Sophia Sabrow

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