Politik : Mit Panzern und Postern

Wie die Regierung in Sanaa weitere Geiselnahmen verhindern will / Fünf Italiener weiter verschleppt

Klaus Heymach Susanne Sporrer[Sanaa]

„Wir werden Geiselnahmen ausmerzen, so wie wir den Terrorismus ausgerottet haben.“ Der jemenitische Präsident Ali Abdallah Saleh will keine Zweifel an seiner Entschlossenheit aufkommen lassen, die neue Welle von Entführungen in seinem Land zu stoppen. Den starken Worten folgten rasch Taten: Umgehend nach der Freilassung der Familie Chrobog wurden ihre Kidnapper festgenommen und die Gouverneure und Sicherheitschefs der beiden Provinzen Marib und Schabwa, in denen die jüngsten Geiselnahmen stattgefunden hatten, entlassen.

Die Regierung in Sanaa steht unter Druck. Spätestens seit der Verschleppung des deutschen Ex-Diplomaten und seiner Familie weiß die Welt, dass nach fast vier Jahren Entführungspause Stammesleute nun wieder versuchen, ihre Konflikte mit der Regierung auf diese Weise zu lösen. Bei Reiseunternehmen gehen erste Stornierungen ein, eine der wenigen zukunftsträchtigen Wirtschaftsbranchen droht wieder zusammenzubrechen.

„Der Staat wird mit eiserner Hand zuschlagen“, erklärt auch Regierungschef Abdelqader Badschamal und kündigte „außergewöhnliche Strafen“ für Nachahmer an. Im Fall der seit Sonntag entführten fünf Italiener ließ die Regierung entgegen der Bitte des Scheichs, der die Verhandlungen führt, das Versteck der Geiselnehmer von Soldaten umzingeln. Diese reagierten am Dienstag: Sie verlegten die Geiseln an einen anderen Ort. Bereits am Montag hatten sie gedroht, die Urlauber aus Norditalien zu töten, falls das Militär einen Angriff starten sollte.

Der Premier wolle den „Ausnahmezustand“ verhängen, kritisiert die Menschenrechtsorganisation NODRF die angekündigten Maßnahmen. Die Regierung dürfe mit den Kidnappern nicht in einen Wettbewerb treten, das Gesetz zu brechen, sagt NODRF-Chef Chaled al- Anisi. „Das wird in massiven Menschenrechtsverletzungen enden.“

Fraglich ist, ob die Regierung überhaupt dazu in der Lage ist, die widerspenstigen Stämme mit Gewalt unter ihre Kontrolle zu bringen. Staatschef Saleh konnte sich nur deshalb fast drei Jahrzehnte an der Macht halten, weil es ihm wie keinem Präsidenten zuvor gelang, konkurrierende Scheichs in seine Regierung einzubinden. Mobilisiert er nun seine Sicherheitskräfte gegen Stammesinteressen, riskiert er das Ende dieses Gleichgewichts.

Rund 10 000 ungelöste Stammeskonflikte hat das Dar al-Salam in Sanaa registriert, eine Organisation, die sich für ein friedliches Zusammenleben der Clans einsetzt. Fälle, die die Stämme schlimmstenfalls mit einer Entführung zu lösen versuchen. Bei allen vier Geiselnahmen der vergangenen sechs Wochen ging es darum, Angehörige aus dem Gefängnis freizupressen. In die korrupte Justiz haben gerade Stammesleute kein Vertrauen.

Die Stämme um Marib, dem Schauplatz von drei der vier Entführungen, stehen im Ruf, besonders aufsässig zu sein. Lange konnten sie sich dem Einfluss der Regierung in Sanaa entziehen. Touristen haben erst seit 1975 Zugang zu der Region, die bis heute nicht ohne Genehmigung bereist werden darf. Das Vorgehen der Regierung bei Geiselnahmen wirke lediglich wie eine „lokale Betäubung“, kritisiert die Wochenzeitung „Al Nass“. Weil die Forderungen der Kidnapper meist erfüllt würden, rufe dies Nachahmer auf den Plan. Dabei seien viele Anliegen legitim: Die Stammesleute erpressten mit Entführungen von der Regierung oft Leistungen, die diese eigentlich schon lange hätte erbringen sollen. Während der Präsident den Kidnappern mit militärischer Stärke Einhalt gebieten will, setzt das Tourismusministerium auf Aufklärung: Islamgelehrte, Intellektuelle und Künstler sollen ab dieser Woche mehrere Monate durchs Land ziehen und Stammesleuten klar machen, wie sehr Geiselnahmen dem Image und damit der Wirtschaft des Landes schaden. Statt mit Kalaschnikows und Panzern will er mit Liedern, Vorträgen und Postern weiteren Geiselnahmen vorbeugen.

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