Politik : Mit Respekt

Von Clemens Wergin

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Wenn der Papst in dieser Woche in die Türkei fährt, steht er unter verstärkter Beobachtung. Die Welt, und besonders deren muslimischer Teil, wird jeden Schritt, jede Geste und jedes Wort des Pontifex mit gesteigerter Aufmerksamkeit verfolgen.

Benedikt XVI. hat sich seine Reise ins ehemalige Byzanz sicher anders vorgestellt. In einem Moment der Unachtsamkeit ist ihm gar „Konstantinopel“ als Ziel entschlüpft, jene Stadt, die bis 1453 jahrhundertelang geistiges Zentrum der Christenheit war und in der heute, da sie auf den Namen Istanbul hört, nur noch wenige tausend Christen leben. Die Aufregung um die Regensburger Rede hat dem Papst jedoch vor Augen geführt, dass er nun als moderner Diplomat gefragt ist und weniger als Theologe, der Gefallen an gelehrten Disputationen des Mittelalters findet. Er wird in der Türkei einen ähnlichen Balanceakt vollführen müssen, wie es die europäische Diplomatie gegenüber der muslimischen Welt seit Jahren tut: bloß keine Ursache zum Anstoß liefern. Die Muslime sind schnell beleidigt und müssen mit Vorsicht behandelt werden.

Ob es Rushdies „Satanische Verse“ waren, die dänischen Karikaturen oder Ratzingers Rede, stets fordern Muslime den Respekt des Westens gegenüber ihrer Religion ein. Respekt ist auch für jugendliche Migranten in Neukölln, den Banlieus von Paris und Antwerpen die wichtigste Währung. Trotz aller Diplomatie sollte der Papst deutlich machen, dass Respekt keine Einbahnstraße ist. Wer vom Westen und im Westen auf Augenhöhe behandelt werden will, muss sich in Europa entsprechend benehmen und im Orient den gepressten Christen dort Luft zum Atmen verschaffen. Denn in der Region zwischen Alexandria und dem alten Konstantinopel, in der Wiege der antiken und ältesten Christenheit, fühlen sich Christen immer weniger zu Hause. In manchen Ländern der Region werden Christen verfolgt und sind Repressionen ausgesetzt. Anderswo – etwa im Irak – werden sie Opfer ethnisch-religiöser Konflikte. Und selbst dort, wo sie geduldet werden, hält man sie gezielt klein. So dürfen christliche Gemeinschaften in der Türkei weiter keine „Rechtspersönlichkeit erwerben“, wie es im EU-Fortschrittsbericht heißt. Das bedeutet etwa, dass sie weder Gemeindegebäude noch Grundstücke kaufen können. Und während manch europäischer Staat inzwischen muslimische Theologie an staatlichen Hochschulen anbietet, dürfen christliche Geistliche in der Türkei nicht einmal in privaten Instituten ausgebildet werden. Das Christentum wird systematisch ausgehungert. Besonders hart trifft es die Reste der byzantinischen Kirche, die nur noch etwa 2500 Menschen zählende griechisch-orthodoxe Gemeinde, kaum groß genug, um den traditionsreichen „ökumenischen Patriarchen“ zu stützen – dem die Behörden verbieten, diesen Titel öffentlich zu gebrauchen.

Viele Muslime glauben, sie seien einem militärisch, kulturell und ökonomisch übermächtigen Westen ausgeliefert. Die daraus erwachsende Frustration bekommen zu oft die heimischen Christen zu spüren. Die meisten Gemeinden im Orient sind nicht mit Rom uniert. Es wäre dennoch wünschenswert, wenn der Papst sich bei seiner ersten Reise in die muslimische Welt zum Sachwalter dieser Christen machen würde. Sie haben am wenigsten zu tun mit jenem Kulturkampf, den mancher zwischen Orient und Okzident entfachen möchte, aber leiden am meisten unter den Spannungen.

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