Politik : Mit Schleudersitzen hat Jertz Erfahrung

THOMAS GACK

Mit Schleudersitzen hat Generalmajor Walter Jertz vielfach zu tun gehabt - als Pilot, der mehr als 3000 Flugstunden im Starfighter und im Tornado absolviert hat.Seit Anfang Mai jedoch sammelt er damit neue Erfahrungen: Zusammen mit Nato-Sprecher Jamie Shea tritt er als militärischer Sprecher der Allianz jeden Tag um 15 Uhr im Brüsseler Hauptquartier vor die Presse, um über die Luftangriffe der vergangenen 24 Stunden zu berichten.Daß die Aufgabe im Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit so brisant ist wie der Platz im Cockpit, zeigte sich jüngst mehrfach.Die Pannen, vom irrtümlichen Angriff auf einen Flüchtlingskonvoi bis zu den Bomben auf Chinas Botschaft, katapultierten die drei Vorgänger des Luftwaffengenerals rasch von ihren Posten.



Obgleich Walter Jertz keineswegs ein begnadeter Redner ist, seine Botschaft eher stockend und mit geradezu beamtenhafter Genauigkeit von sich gibt, scheint der deutsche General mehr dem Profil zu entsprechen, das derzeit von einem Nato-Sprecher gefordert wird: Absolute Glaubwürdigkeit, Genauigkeit und stoische Gelassenheit.

Schon kurz vor acht Uhr informiert sich der Militärsprecher bei der ersten Schalt- und Videokonferenz mit den Kommandeuren der über dem Balkan eingesetzten Geschwader.Seine Erfahrungen als Chef der deutschen Luftwaffeneinheiten auf dem Stützpunkt Piacenza, von wo er die Einsätze der Tornados über Bosnien leitete, helfen ihm bei der Einschätzung ebenso wie seine Zeit im Nato-Hauptquartier in Neapel, wo er Führungsaufgaben hatte.Eigentlich ist der 54 Jahre alte Rheinhesse Kommandeur der 1.Luftwaffendivision in Karlsruhe.Unterstellt waren ihm dort unter anderem die Jagdbomber-Geschwader 32 und 34 in Lechfeld und Memmingen, die auch Flugzeuge für die Nato-Einsätze über dem Balkan abgestellt haben.

Gegen 11 Uhr steht das Manuskript, das er um 14 Uhr mit Nato-Generalsekretär Solana abstimmt.Nur was hieb- und stichfest ist, soll in die Bilanz einfließen.Es kommt auf jede Nuance der Formulierung an.Dabei hilft dem Fliegergeneral Jertz, daß er seine Bosnien-Erfahrungen in ein Buch gefaßt hat: "Im Dienste des Friedens - Tornados über Bosnien".

Aber auch ein traumatisches Erlebnis aus dieser Zeit läßt ihn nicht mehr los und motiviert ihn täglich: Als 1996 die "UN-Sicherheitszone" Srebrenica von den Serben überrannt wurde, die Bewohner ermordet wurden, warteten seine Männer vergebens vor ihren Tornados auf den Einsatzbefehl aus New York.Der damalige UN-Beauftragte Akashi hatte die Zustimmung zum Einsatz verweigert.

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