Politik : Mit sich selbst versöhnt

Von Hermann Rudolph

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Eine Kirche ist wiedererstanden, eine Stadt gewinnt ihre alte Silhouette zurück – und vielen geht der Mund über, weil die Seele voll und die Symbolkraft des Vorgangs so stark ist. Drei Tage feiert Dresden, die Repräsentanten des Staates sind dabei, das Fernsehen sowieso, und in den Zeitungen tragen Würdigungen und Leitartikel – auch dieser – ihren Teil zu diesem Ereignis bei. Aber was ereignet sich in dieser Kirchenweihe? Ein Sieg des Bürgersinns, wie manche glauben? Ein demonstrativer Akt der Einheit, wie man auch lesen kann? Die Rehabilitierung des Gedankens der Rekonstruktion – ein sächsischer Rippenstoß für die von der SchlossDebatte umgetriebenen Berliner?

Von allem, vermutlich, etwas. Aber natürlich bestimmt diesen Tag die Freude, ja, die Überwältigung durch die wiedererrichtete Kirche. Wie alles Schöne scheint der Bau, die bei aller Massigkeit doch erstaunlich schlank aufragende Kuppel – in Mörikes Vers-Worten – „selig in ihm selbst“. Aber die Feier gilt auch der mit ihr verbundenen erstaunlichen, bewegenden und ermutigenden Geschichte: einer Wiedergeburt aus Trümmern, Trauer und Trotz – und aus viel Glauben, ja, Gottvertrauen. Unmögliches, für unmöglich Gehaltenes wurde möglich. Mit diesem Bau hat sich eine Gesellschaft selbst ein Beispiel gegeben.

Denn die Frauenkirchen-Saga und ihr glücklicher Ausgang versinnbildlichen Tugenden und Haltungen, die nicht gerade häufig im Angebot sind: Bürgersinn, Beharrlichkeit, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, die Kraft gemeinsamer Anstrengungen. Die 14 Herren, die im Frühjahr 1990 zum Wiederaufbau der Kirche aufriefen, haben gezeigt, dass man Berge bewegen kann – Trümmerberge, auch viel Geld, vor allem aber Hände und Herzen. Die Anteilnahme gerade in England und Amerika hat aus dem im Krieg von alliierten Bombern zerstörten Bauwerk ein Zeugnis der Versöhnung mit den einstigen Kriegsgegnern gemacht.

Die Frauenkirche steht aber auch unübersehbar, ziemlich überzeugend, sehr symbolisch quer zu dem Schatten, den der aktuelle Zustand der deutschen Vereinigung wirft. Es war ja die Wiedervereinigung, die den Anstoß zum Wiederaufbau gab, an den zu DDR-Zeiten ernsthaft nicht zu denken war. Das Projekt wurde ja emporgetragen vom Impetus der friedlichen Revolution, schmerzende Begrenzungen zu überschreiten. Der selbst wurde zum Exempel ost-westlichen Zusammenwirkens. Mit alledem ragt die Frauenkirche hinaus über das verbreitete Klagen und Lamentieren – ein Leuchtturm des Gelingens in einem von Depressionen heimgesuchten Gelände.

Und noch etwas können die Deutschen an diesem Bauwerk lernen. Es gab nicht nur viele, die an das Vorhaben nicht glaubten. Viele waren auch überzeugt davon, dass die Ruine, die offene Wunde, das richtige Erinnerungs- und Versöhnungszeichen gewesen wäre. Und birgt der Neubau des Alten nicht tatsächlich die Versuchung der Flucht aus der Gegenwart in die Vergangenheit, der Selbsttäuschung? In einem Land, das sich gern damit beschäftigt, seine Wunden zu lecken, setzt der Wiederaufbau der Frauenkirche gegen Zweifel und Bedenken das große Bild der geheilten Wunde.

Der neue Bau, der den alten bis ins kleinste Detail wiedergibt, ist gleichwohl alles andere als ein Monument der Illusion. Niemand will und kann verdrängen, was war – nicht die Zerstörung noch die sechs Jahrzehnte, die seither Deutschland und die Welt verändert haben. Dieses neue Bauwerk in der Gestalt des Alten, erfüllt von der Achtung vor dem Meisterwerk und seiner Bedeutung, sozusagen ein Kniefall, nein: ein Schulterschluss über die Zeiten hinweg – es ist ein Zeugnis der Einsicht, dass Gesellschaften sich auch in der Wiederherstellung des Verlorenen selbst finden können. Insofern ist die Frauenkirche für die Deutschen auch ein Stück Versöhnung mit sich selbst. Vielleicht ist es das, was sie an diesem Sonntag so nachdrücklich in den Blick der Nation rückt.

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