Politik : Mit unzerstörbarer Zuversicht

Wolfgang Huber

Zwei Bücher jüdischer Zeitgenossen, die zugleich Zeitzeugen sind, haben mich besonders beeindruckt: Der Direktor des Jüdischen Museums Michael Blumenthal hat unter dem Titel "Die unsichtbare Mauer" in einer ebenso einfühlsamen wie eindrücklichen Weise die Geschichte seiner Familie beschrieben; und Paul Spiegel, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat mit erstaunlicher Prägnanz und Präsenz seinen eigenen Lebensweg dargestellt. "Wieder zu Hause?" heißt der Titel dieser Erinnerungen, deren schriftliche Fassung der Mitwirkung des Publizisten Rafael Seligman zu verdanken ist.

Blumenthals Buch macht am Beispiel des Weges einer jüdischen Familie, die in Preußen ansässig wurde, auf den Beitrag aufmerksam, den das Judentum zur wirtschaftlichen Entwicklung und geistigen Entfaltung Preußen-Deutschlands geleistet hat. Spiegels Erinnerungen veranschaulichen die eigentümliche Kraft, mit der jüdische Deutsche sich über die Jahrhunderte mit ihrer Heimat verbunden wussten; aus dieser Kraft heraus hielten manche von ihnen allen Demütigungen und Misshandlungen zum Trotz an dieser Heimat fest. Die Familie von Paul Spiegel blieb den Wurzeln im westfälischen Warendorf treu - auch nach der Zeit von Entrechtung, Vertreibung und Mord, unter der sie wie die allermeisten jüdischen Familien unmittelbar zu leiden hatte.

Erschütternd sind die Verschleppung des Vaters Hugo in das Konzentrationslager in Gurs und der Tod der Schwester Rosa, über den es erst nach Jahrzehnten letzte Klarheit gab. Dennoch entschloss sich die Familie zur Rückkehr nach Deutschland. Das ist einer der wenigen Zusammenhänge, in denen Spiegel ausdrücklich über religiöse Motive Auskunft gibt: "Ich habe die Zuversicht nie begraben - vielleicht ist dieser unzerstörbare Optimismus neben Glauben und Humor die wichtigste Kraft, die das Judentum über Jahrtausende Verfolgungen und Leid überstehen ließ."

Wie andere aus der Holocaust-Generation vor ihm so hat auch Paul Spiegel einen großen Teil seiner Lebensarbeit der Aufgabe gewidmet, dass aus den zurückgekehrten "Juden in Deutschland" allmählich wieder "deutsche Juden" werden konnten. In seinem Fall vollzog sich das in einer beruflichen Entwicklung, die aus dem Journalisten schließlich den Inhaber einer Künstleragentur werden ließ. Nahezu jede freie Minute aber widmete der Familienvater der Arbeit in der jüdischen Gemeinde Düsseldorf sowie den überregionalen Verpflichtungen in der jüdischen Gemeinschaft. Das Buch schildert deren Weg am Beispiel der Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland seit Mitte der sechziger Jahre: Werner Nachmann, Heinz Galinski, Ignatz Bubis.

Unter ihnen spielt Ignatz Bubis eine besondere Rolle, den Spiegel als seinen großen Förderer bezeichnet. Der Tod von Bubis im Jahr 1999 ließ Spiegel plötzlich in das Rampenlicht des öffentlichen Interesses treten. Erstaunlich ist, wie schnell der neue Präsident des Zentralrats sich seinen eigenen Platz erobert und dem Amt seine eigene Prägung gegeben hat. Die mutige, deshalb auch umstrittene Rede vor dem Brandenburger Tor am 9. November 2000 hat dazu entscheidend beigetragen, die Spiegel nicht nur Tausend unterstützende Briefe, sondern auch die Bezeichnung als "geistiger Brandstifter" eingetragen hat.

Ausgelöst wurde dieser Vorwurf durch die Aufforderung an die Politiker, ihre populistische Sprache zu zügeln, das Gerede von einer deutschen Leitkultur zu unterlassen und stattdessen dem Bekenntnis des Grundgesetzes zur unantastbaren Menschenwürde Geltung zu verschaffen. Als "geistige Brandstiftung" kann diese Aufforderung freilich nur verstehen, wer sich durch sie in besonderer Weise getroffen fühlt.

Paul Spiegels Rede vom 9. November 2000 ist übrigens der zweite Zusammenhang, in dem dieses Buch von "geistiger Brandstiftung" redet. Denn zuvor - ist es schon vergessen? - hatte Ignatz Bubis dieses Wort verwendet. Das geschah in der Auseinandersetzung mit Martin Walsers Friedenspreis-Rede von 1998, in der der Schriftsteller sich dagegen verwahrt hatte, dass Auschwitz als "Drohroutine, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel, Moralkeule" oder auch nur als "Pflichtübung" missbraucht werde. Es war die letzte große Furcht von Ignatz Bubis, dass eine solche Haltung gegenüber der Geschichte in Deutschland "salonfähig" werden könne. Aber sie war es schon.

Wieder zu Hause? Das Fragezeichen bleibt. Dank gebührt denen, die in "unzerstörbarer Zuversicht" als Juden daran festhalten, dass Deutschland ihre Heimat ist. Paul Spiegel gehört dazu.

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