Politik : Mit Vollgas auf der Stelle treten

AUTORASER VERURTEILT

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Von Jost MüllerNeuhof

Einsicht. Nicht mehr als nur etwas Einsicht wünschen sich Richter, wünscht sich die Öffentlichkeit, wenn ein Mensch das Leben eines anderen auf dem Gewissen hat und dafür vor Gericht kommt. Der Autobahnraser von Karlsruhe zeigt jedoch keine. Er wird denken, wie leider viel zu viele denken: Die Frau und das Kind, die seine Opfer geworden sind, hätten eben nicht schleichen sollen auf der linken Spur. Dann wäre das alles nicht passiert.

Genau dieses Denken aber ist die eigentliche Katastrophe, die im Jahr auf deutschen Straßen tausende Menschenleben kostet. Vollgas auf der Autobahn gilt als Grundanspruch wie das Beschleunigungsrennen im Stadtverkehr. Klar, man passt dabei auf. Aber wenn der andere sich dämlich verhält? Wenn einer links blinkt und rechts fährt? Die Vorfahrt übersieht? Schleicht? Sein Pech.

Der deutsche Straßenverkehr ist in den neunziger Jahren schneller und sicherer geworden. Moderne Autos verfügen dank Fahrgastzelle, Knautschzonen und Airbags über ein enormes Potenzial an passiver Sicherheit. Die Gurtpflicht, erst zögernd angenommen, ist in den Köpfen fest verankert. Die Unfallforschung hat dazu beigetragen, gefährliche Strecken und Verkehrsführungen zu entschärfen. Medizinischer Fortschritt und der schnelle Einsatz von Notärzten und Sanitätern retten jährlich Tausende. 6842 Menschen starben im Jahr 2002 auf unseren Straßen, vor zwanzig Jahren waren es mehr als doppelt so viele. Und das, obwohl im selben Zeitraum die Zahl der Kraftfahrzeuge um 62 Prozent auf 55 Millionen gestiegen ist. Fast ein Wunder.

Doch während sich Tempo und Technik rasend fortentwickelten, trat das Bewusstsein der Autofahrer für das tödliche Risiko durch ihre Fahrzeuge auf der Stelle. Von den 6842 Getöteten hätte uns jeder Einzelne so viel wert sein müssen, um für ihn alles – wirklich alles – zu tun, die Gefahren der wachsenden Mobilität zu verringern. Stattdessen ruhen wir uns auf der Statistik aus und erklären die Toten damit unter der Hand zum unvermeidlichen Blutopfer einer freien, mobilen und risikobereiten Gesellschaft.

Das ist ein furchtbarer Fehler. Um das zu erkennen, reicht es schon, sich in ein gehobenes Mittelklassemodell jenes Herstellers zu setzen, der als Volkswagen die Massenmobilität in Deutschland begründet hat. Gewaltige PS-Leistungen, minimale Außengeräusche, ein kaum zu hörender Motor, dazu ungetrübter Musikgenuss oder, immer beliebter, der von Hörbüchern, das alles bei Tempo 250. Ein rasendes Wohnzimmer mit Luxuscouch, rundum voll gepanzert. Und weil man sich selbst so sicher fühlt, denkt man, auch die anderen wären es. Dabei reicht ein Fehler, eine Unachtsamkeit anderer, und der Bolide wird zum Geschoss. Mit diesen Autos kann man ein Kind totfahren und merkt es nicht einmal.

Es genügt nicht, ein solches Gefährt technisch und fahrerisch zu beherrschen. Man muss es sozial beherrschen. Man muss vorausschauend fahren, defensiv und vor allem muss man lernen, mit den Fehlern anderer zu rechnen. Gute Fahrschulen bringen einem so etwas bei. Danach aber endet die Rücksichtnahme meist. Und von der Politik, an deren Spitze ein erklärter Autokanzler steht, ist Nachhilfe mittels eines allgemeinen Tempolimits nicht zu erwarten.

Es genügt auch nicht, in Wehklagen auszubrechen über diese Drängler und Raser, die mit Aufblendlicht über die Autobahnen fegen. Sie sind die Schlimmsten, aber sie sind es nicht alleine. Ob die Drängelei zudem tatsächlich zugenommen hat, darüber streiten die Experten. Tatsache ist, dass die Ängste und die Empörung darüber zugenommen haben. Aber auch die Rohheit. Aggressionen führen heute öfter zum Kontrollverlust als früher. Dass heute im Streit um die Vorfahrt oder einen Parkplatz schon mal eine Waffe gezogen wird, beweist dies.

Neben der großen Einsicht, die dem Karlsruher Autobahntäter fehlt, geht es vor allem um die kleinen Einsichten. Etwa die jener Berliner Eltern, die ausweislich der hiesigen Statistik häufig die Tempo-30-Zonen rund um die örtlichen Schulen missachten – absurderweise immer dann, wenn sie ihre Kinder dort abholen und hinbringen. Hier muss das Umdenken anfangen, das einige tausend Leben jährlich bewahren kann.

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