Politik : Mit Waffen gegen Waffen

Die „National Rifle Association“ will künftig Wachleute für amerikanische Schulen ausbilden.

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Protest. Eine Aktivistin der Friedensinitiative „Code Pink“ verschafft sich Aufmerksamkeit bei der Ansprache von Wayne LaPierre von der „National Rifle Association“. Foto: AFP
Protest. Eine Aktivistin der Friedensinitiative „Code Pink“ verschafft sich Aufmerksamkeit bei der Ansprache von Wayne LaPierre...Foto: AFP

Eine Woche lang hatte die einflussreiche „National Rifle Association“ (NRA) nach dem Schulmassaker in Newtown geschwiegen – aus Respekt vor den Opfern, wie die Organisation der Waffenlobby sagte. Am Freitag stellte sie bei einer Pressekonferenz in Washington ihr Programm vor, wie sie solche Tragödien in Zukunft vermeiden möchte: durch bewaffnete Wachleute in jeder Schule in den USA. Das einzige nachweislich effektive Mittel, um einen bösen Menschen mit einer Waffe zu stoppen, sei ein guter Mensch mit einer Waffe, argumentierte NRA-Vizepräsident Wayne LaPierre. Die NRA werde auf eigene Kosten ein Modellprogramm zum Schutz von Schulen ausarbeiten und die Wachleute trainieren.

Am Tag zuvor unterzeichnete der republikanische Gouverneur von Ohio, John Kasich, ein Gesetz, das die Vorschriften für Waffenbesitzer dort weiter liberalisiert. Es lockert die Auflagen für den Transport von Waffen in Autos und die Mitnahme in Parkhäuser. Kirchengemeinden hatten an ihn appelliert, seine Haltung angesichts des Massakers, bei dem ein offenbar psychisch Kranker zwanzig Erstklässler erschossen hatte, zu überdenken. Im Sommer hatte das regionale Parlament in Ohio, in dem die Republikaner die Mehrheit haben, eine Gesetzesänderung verabschiedet, die es erlaubt, Waffen in einem verschlossenen Behältnis in Lokale mitzubringen – auch in solche, die Alkohol ausschenken.

Damit zeigt sich erneut die tiefe Spaltung der amerikanischen Gesellschaft im Umgang mit dem Waffenrecht. Waffengegner halten den leichten Zugang zu Waffen in den USA und ihre große Verbreitung für eine Hauptursache des Anstiegs von Massenerschießungen in den letzten Jahren. Sie fordern schärfere Vorschriften zur Kontrolle. Waffenbefürworter sehen es umgekehrt. Wenn bewaffnete Bürger die Polizei bei der Aufrechterhaltung der Ordnung unterstützen, sinke die Verbrechensquote. Die Zahl der Morde in den USA sei seit Jahren gesunken, parallel zur Lockerung des Waffenrechts in vielen Staaten. Die erdrückende Mehrheit der Waffenbesitzer sei gesetzestreu, sagen Waffenfreunde. Sie könnten Übeltäter stoppen, sofern man ihnen erlaube, ihre Waffen überall mitzunehmen.

Die Trennungslinien zwischen diesen beiden gegensätzlichen Haltungen verlaufen einerseits zwischen Großstädten und dem ländlichen Raum. Und andererseits zwischen Demokraten und Republikanern. In Großstädten sind die Bürger, aber auch die Ordnungskräfte mehrheitlich dagegen, dass jeder mit einer Waffe herumlaufen darf. Auf dem Land gehört der Waffenbesitz und die Jagd zum Lebensstil. Zugleich ist die soziale Kontrolle größer. In den großen Städten haben zumeist die Demokraten die Vorherrschaft, im ländlichen Raum die Republikaner. Großstädte verzeichnen aber mehr Kriminalität als der ländliche Raum. So ergibt sich für viele der Eindruck, dass dort, wo Demokraten an der Macht und die Waffengesetze schärfer sind, deutlich mehr Verbrechen geschehen als in den Regionen, wo die Republikaner das Sagen haben und das Waffenrecht gelockert wurde. Newtown, der Ort des jüngsten Massakers, liegt in Connecticut, wo die Demokraten regieren und die Waffenkontrolle relativ scharf ist.

Diese Argumentation nahm NRA-Vizepräsident LaPierre in der Pressekonferenz auf. Alle Eltern müssten sich fragen, welche Vorstellung ihnen lieber sei, wenn ein bewaffneter Attentäter in die Schule ihrer Kinder eindringe: „Wollen Sie dann auf den guten Menschen mit einer Waffe im Polizeirevier in einer Meile Entfernung vertrauen oder auf einen guten Menschen mit einer Waffe ganz in der Nähe, der innerhalb einer Minute eingreifen kann?“ Er gab den Medien eine Mitschuld. Sie hätten eine Atmosphäre der hysterischen Ablehnung von Waffen geschaffen. In der Folge wurden nach LaPierres Darstellung immer mehr Auflagen eingeführt und Verbote, wohin man die Waffe nicht mitnehmen darf, darunter Schulen. „Die Verbannung von Waffen aus Schulen haben sie zu schutzlosen Zonen gemacht“, sagte er.

Offenkundig scheut die NRA aber eine offene Debatte über das Waffenrecht unter dem Eindruck des Massakers von Newtown. Diese Diskussion habe „Zeit bis später“, sagte LaPierre. Zunächst müsse man „rasch handeln“ und „unsere Kinder in den Schulen schützen“, durch bewaffnete Wachleute.

Die Pressekonferenz wurde mehrfach von Gegnern der NRA unterbrochen. Zu Beginn eilte ein Mann nach vorn, rief: „Die NRA tötet unsere Kinder“ und hielt ein Plakat mit der selben Aufschrift in die Höhe. Eine Frau zeigte ein Transparent mit der Anklage: „Die NRA hat Blut an ihren Händen.“

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