Politik : Mit wem die Helfer sich vergnügen

Stephan Israel

Die einschlägigen Lokale heißen "Miami Beach", "Manhattan" oder "International Club". So schnell, wie sie aufmachen, sind sie auch wieder verschwunden. Eine Razzia italienischer Carabinieri brachte im Januar das Elend erstmals ans Tageslicht. Die Polizisten im Dienst der UNO sahen sich einem Dutzend verzweifelter Frauen gegenüber. "Sie wurden wie Sklaven gehalten", berichtet einer der Ermittler. Seither sind mehr als 60 Frauen aus ähnlicher Lage befreit worden. Frauenhandel und Zwangsprostitution sind im Kosovo zu einem ernsthaften Problem geworden.

UN-Polizisten und Mitarbeiter von Hilfswerken zeigen sich alarmiert. Denn das brutale Geschäft überzieht die Region inzwischen wie ein Netzwerk. Die Frauen stammen aus den ärmsten Regionen Osteuropas, aus Rumänien, Moldavien, der Ukraine oder aus Bulgarien. Einige der Opfer haben die Menschenhändler mit Annoncen geködert, die lukrative Jobs als Kellnerin oder Tänzerin im Westen versprachen. Manche wurden entführt, andere wussten zwar von der Arbeit als Prostituierte, aber nicht von den entsetzlichen Umständen, die sie erwarteten.

Keine der 60 Frauen, so sagen die Ermittler in Pristina, hatte noch ihren Ausweis. Pässe werden schon bei der Abreise im Heimatland von den "Betreuern" eingesammelt. Die Händler verfügen über gute Kontakte in der ganzen Region. In unscheinbaren Motels werden die Frauen auf regelrechten "Auktionen" an den meistbietenden Zuhälter und Barbesitzer verkauft - zum Preis von rund 3000 Mark. Die Opfer sind Tag und Nacht auf engstem Raum eingesperrt. Meist wird ihnen erklärt, sie müssten zuerst den Preis "abverdienen". Doch kaum eine der im Kosovo aufgefundenen Zwangsprostituierten hat je Geld zu Gesicht bekommen.

Das Kosovo ist für die Frauenhändler und Barbetreiber ein idealer Markt: Die Grenzen sind durchlässig, die Justiz funktioniert nur in Ansätzen. Eine wichtige Rolle spielt die massive internationale Präsenz seit dem Einmarsch der Nato-Friedenstruppe sowie das viele Geld, das im Umlauf ist. Derzeit sind mehr als 40 000 Soldaten im Kosovo stationiert. Hinzu kommen fast 7000 Mitarbeiter von UN-Verwaltung, internationalen Organisationen und privaten Hilfswerken. Ein großer Teil der Kundschaft in den Bars und Clubs sind Mitglieder der internationalen Mission, sagen die Opfer. In den kommenden Wochen soll eine Kampagne auch diesen Kunden der Nachtclubs klar machen, welches brutale Geschäft sie unterstützen.

Die Region ist der neue Markt in einem boomenden Geschäft. Einheimische Frauen sind in den Clubs kaum aufgefunden worden. Das Kosovo ist Herkunfts- und Transitland. Nach Schätzungen arbeiten rund 30 000 albanische Frauen als Prostituierte - vor allem in Italien. Kürzlich konnten sieben Frauen aus der Ukraine aus einem Nachtclub in der montenegrinischen Hauptstadt Podgorica befreit werden. Vertreter der Hilfswerke kritisieren, dass die Frauen nach ihrer Befreiung von den Behörden oft festgenommen und dann abgeschoben werden. Die Zuhälter und Barbetreiber kommen hingegen in der Regel unbehelligt davon. Ein serbisches Gericht in Mitrovica hat noch im April zwei Frauen aus Moldavien wegen Prostitution zu 30 Tagen Haft verurteilt. Selbst die UN-Administration, formell zuständig für das Kosovo, schritt nicht ein.

Im Kosovo wussten die Carabinieris im Dienst der UNO nach der ersten Razzia in einem Nachtclub zuerst nicht, wohin mit den zwölf befreiten Frauen. Inzwischen betreiben Hilfswerke und internationale Organisationen in Pristina an einem geheimen Ort ein Schutzhaus für Frauen. Vertreter der internationalen Organisation für Migration (IOM) helfen den Opfern, die in ihre Heimat zurückkehren wollen. Sie sorgen für Betreuung, beschaffen neue Papiere. Auch in den Herkunftsländern wie der Ukraine oder in Moldavien unterstützt IOM Beratungsstellen und Frauenhäuser für zurückgekehrte Opfer. Niemand wird jedoch zur Rückkehr gezwungen. Denn auch in der Heimat droht den Frauen oft die Rache der Händler, die sich um ihren Profit betrogen sehen.

Deshalb wissen die UN-Ermittler und Hilfswerk-Mitarbeiter, dass ihre Bemühungen Grenzen haben. "Wenn wir an einem Tag einen Nachtclub schließen", sagt einer der Beamten, "macht am nächsten Tag woanders ein neuer auf."

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