Politik : Mitgefühl gibt es nur einmal

Der ehemalige Stuttgarter Ministerpräsident und NS-Militärrichter Hans Karl Filbinger wird 90 Jahre alt – und Baden-Württemberg streitet über einen Festakt

Reiner Ruf[Stuttgart]

Von „Tragik“ ist oft die Rede, wenn der Name Hans Karl Filbinger fällt. Derzeit ist das wieder häufiger der Fall, feiert doch der einstige baden-württembergische Ministerpräsident am heutigen Montag seinen 90. Geburtstag. Jener Mann, der die Südwest-CDU zu vorher und nachher nie wieder erreichten Wahltriumphen führte, der nach allseitiger Einschätzung Achtbares leistete, wovon sein Bundesland heute noch zehrt.

Und doch sehen ihn seine Mitstreiter im national-konservativen Geiste, denen Filbinger in der schummrigen Tafel- und Vortragsrunde von Weikersheim ein Forum schuf, ihren Heros von Tragik umweht. Keineswegs seines Wirkens in der Militärjustiz des NS- Staates wegen – Filbinger hatte dies übrigens zu umgehen versucht und sich zur U- Boot-Flotte gemeldet. Vielmehr wegen der „Kampagne“ von 1978, als ihn der Dramatiker Rolf Hochhuth als „furchtbaren Juristen“ des NS-Staates angriff und eine Debatte anzettelte, die Filbinger um sein Amt und alle weiter reichenden Ambitionen brachte.

„Kein Mensch ist durch mich zu Tode gekommen“, sagte Filbinger dieser Tage wieder bei der Präsentation einer ihm gewidmeten Festschrift in Stuttgart. Bei dieser Gelegenheit bot er den in München lebenden, inzwischen 91-jährigen Bundesbahn-Verwaltungsrat a.D. Guido Forstmaier auf. Der Greis dankte Filbinger mit tränenerstickter Stimme, „dass er mich in aussichtsloser Lage gerettet hat“. Forstmaier hatte im Frühjahr 1945 als Oberleutnant wegen Wehrkraftzersetzung ein Todesurteil erwartet. Insgesamt wirkte Filbinger an vier Todesurteilen mit. Zwei nennt er „Phantomurteile“, weil in Abwesenheit der Beschuldigten ergangen, von denen einer tatsächlich ein Mörder war, ein drittes wurde in Haft umgewandelt, zu dem vierten, dem bekanntesten, dem Gröger-Urteil, behauptet Filbinger, zu einem Zeitpunkt mit dem Verfahren betraut worden zu sein, als Hilfe nicht mehr möglich war.

Was Filbinger das Amt kostete, war seine ebenso selbstverliebte wie selbstherrliche Erinnerungsverweigerung, die in scharfem Kontrast stand zu seiner monstranzenhaft dargebotenen christlichen Tugendhaftigkeit. Er erniedrigte sich selbst zum Repräsentanten jenes Nicht-Wissen-Wollens, das 1978 nicht mehr akzeptiert wurde. Erhard Eppler sprach treffend vom „pathologisch reinen Gewissen“. Das, immerhin, räumt Filbinger heute zumindest im Ansatz ein, wenn er sagt, auch er habe 1978 Fehler gemacht. „Ich hätte damals ins Bundesarchiv gehen sollen und die Dinge offen legen.“ Womit für ihn der Demut aber genug ist.

Den zwei noch lebenden Schwestern Grögers, die unlängst die Stuttgarter Landesregierung baten, auf den Geburtstagsempfang zu Ehren Filbingers zu verzichten, antwortete er herzlos lakonisch in Stuttgart: „Ich habe schon 1978 mein Bedauern zum Ausdruck gebracht, dass dieser Gröger ein Opfer des Krieges geworden ist. Das Wort des Bedauerns ist ergangen. Mehr Wiederholung gibt es nicht.“

Der Stuttgarter Regierungschef Erwin Teufel (CDU) hält seinen Vor-Vorgänger, an dessen Rücktritt er als Fraktionschef nicht unbeteiligt war, heute für rehabilitiert. Schließlich, so Teufel, habe damals die Stasi die Finger mit im Spiel gehabt. Doch der Streit um Filbinger geht weiter. Ein Empfang seiner Heimatstadt Freiburg platzte nach der persönlichen Absage von Oberbürgermeister Dieter Salomon (Grüne), der selbst unter Druck geraten war. Die Landtags-Opposition boykottiert den Regierungsempfang, Gewerkschafter und Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes planen eine Kundgebung. Ludwig Baumann, der Vorsitzende der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz, sieht in dem Empfang eine „schamlose Verhöhnung unserer Opfer“. Und die Gröger-Schwester Eva-Maria Mäschke sagte im Südwestrundfunk: „Ich verachte Filbinger. Ich verachte ihn grundtief – wirklich.“

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