Politik : Mitgefühl hilft – Frankreichs Geisel-Erfahrungen

Albrecht Meier

Als Florence Aubenas, Reporterin der Pariser Tageszeitung „Libération“, am 5. Januar mit ihrem Dolmetscher Hussein Hanun in Bagdad verschleppt wurde, da hatte Frankreich schon etliche Erfahrungen mit Entführungen in der Region gesammelt. Das längste Martyrium machten die Diplomaten Marcel Fontaine und Marcel Carton sowie der Journalist Jean Paul Kauffmann durch, die 1985 in Beirut von Islamisten verschleppt wurden. Erst drei Jahre später kamen sie frei. Damals begleiteten zahlreiche Solidaritätskundgebungen in der Heimat die Geiselhaft der drei Franzosen.

Ähnlich war es im Fall der Reporterin Aubenas, die im Juni mit ihrem Dolmetscher freikam. Einen Monat nach der Entführung veröffentlichten französische Nachrichtenagenturen, Zeitungen, Hörfunk- und Fernsehsender einen Solidaritätsaufruf für Aubenas und ihren Dolmetscher. Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits mehrere Lebenszeichen der Entführten. Bereits zwei Tage nach der Verschleppung wurde ein Mitarbeiter der Nachrichtenagentur AFP in der Region Balad nördlich von Bagdad von bewaffneten und maskierten Männern angehalten. Den beiden Entführten gehe es gut, wurde er informiert. Während der gesamten Geiselnahme unterrichtete der Krisenstab in Paris die Führungsriege von Aubenas’ Zeitung „Libération“ über die Lage. Mit Rücksicht auf das Leben der Geiseln wurden aber keine Details veröffentlicht.

Nach ihrer Freilassung erzählte Aubenas vor den Journalistenkollegen in Paris detailliert über ihre Eindrücke während der fünfmonatigen Gefangenschaft in einem Raum, der vier Meter lang und zwei Meter breit war. Sie erzählte dabei auch von dem Moment, in dem sie erkannte, dass die Medien in der Heimat sie nicht vergessen hatten. In einer Geste des guten Willens erlaubten ihr die Entführer, die Augenbinde abzunehmen. Ihr wurde gestattet, im Fernsehen ein französisches Programm anzusehen. Dort sah sie im vorbeihuschenden Nachrichten-Laufband die Namen „Florence“ und „Hussein“ sowie eine Zahl. Es dauerte eine Weile, bis sie begriff, dass der Sender damit die Zahl ihrer Tage in Geiselhaft dokumentierte. Bis zu diesem Moment sei es nicht unbedingt ihr Ding gewesen, in der Heimat bei Solidaritätskundgebungen mitzulaufen, erklärte Florence Aubenas hinterher. Damals habe sie sich geschworen, das zu ändern.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben