Mittelschicht : Deutschland vernachlässigt seine gesellschaftliche Mitte

Die Mitte hat einen schweren Stand in Deutschland. Auf allen Feldern, wird sie zwischen Vorzeigekandidaten und Problemkindern vergessen. Ein Kommentar.

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Foto: Georg Wendt dpa

In der Schule schreiben sie Dreien. Sie leben in Einfamilienhäusern am Stadtrand, oder in gemieteten Wohnungen. Sie arbeiten als Beamte im gehobenen Dienst, als Angestellte oder als Facharbeiter. Sie sind die „Mitte der Gesellschaft“. In Wahlkämpfen und im Streit um Steuertabellen sind sie derzeit sehr gefragt. Abseits davon werden sie aber vernachlässigt. Das ist falsch.

Lehrer widmen den größten Teil ihrer Aufmerksamkeit den besonders guten und besonders schlechten Schülern. Exzellenzinitiativen fördern kluge Studenten, Bildungspolitiker hingegen grämen sich um die Studienabbrecher. In Unternehmen werden Spitzenkräfte umworben, von leistungsschwachen Kollegen trennt man sich nur nach aufwendigen Konsultationsprozessen.

Nur um die Mitte ist man nicht besorgt. Dabei werden die normalen Beschäftigten besonders betroffen sein, wenn die Digitalisierung in den kommenden Jahren den Arbeitsmarkt mit Wucht durcheinanderbringt. Ihre Arbeit ist bedroht, weil Roboter und Algorithmen sie schneller und präziser erledigen können.

Die Mitte braucht Aufmerksamkeit

Nur wenige Durchschnittsbeschäftigte haben bisher Erfahrungen mit rapidem Wandel und Neuanfang gemacht. Im Gegensatz zu den ganz Guten und Schlechten sind sie in der Regel weder durch Scheitern noch durch Erfolg geprägt. Sie sind am wenigsten vorbereitet auf das, was kommt.

Wer es gut meint mit den Dreierkandidaten, muss sie schon früh dazu ermutigen, ihre komfortable Unauffälligkeit abzulegen. Das Mittelmaß wird niemals durch fachliche Brillanz oder durch Kreativität auffallen. Seine Stärke sind Zuverlässigkeit und Beharrlichkeit. In einer schnelllebigen Welt müssen diese Sekundärtugenden aufgewertet und angepasst werden – Flexibilität muss unbedingt dazukommen. Die erwirbt man aber nicht in einer Zusatzqualifizierung des Arbeitsamtes. Aufmerksame Eltern, wachsame Lehrer und fordernde Arbeitgeber müssen sie vorleben und trainieren.

Die Mitte braucht Aufmerksamkeit. Sonst rutscht sie schon ganz demnächst mühelos von der Drei auf die Fünf.

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