Politik : Mitten im Krieg

Von Peter von Becker

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Die Bilder deutscher Soldaten, die in Afghanistan lachend und begleitet von extraobszönen Gesten mit einem Totenschädel posiert haben, rufen zu Recht Abscheu hervor. Doch verglichen mit der deutschen Empörung, wirken die ausländischen Reaktionen bislang recht gelassen. Aus guten Gründen.

Nichts ist hier gleichzusetzen mit soldatischen Massakern an Zivilisten, mit Vergewaltigungen oder Folterungen und etwa den Fotos aus dem irakisch-amerikanischen Gefängnis Abu Ghraib. Noch sind die genauen Umstände der anrüchigen Foto-Shootings nicht geklärt. Aber schon die Bilder selbst, die auf dem Boulevard mit verkaufstüchtiger Entrüstung gehandelt werden, widerlegen den schrillen Vorwurf der „Leichenschändung“. Weder haben die Bilderknipser der Bundeswehr getötete Gegner erniedrigt oder ihre verletzten Körper verstümmelt noch Gräber geöffnet. Eher scheint es so, als habe es sich um geschmacklose Spiele mit längst ausgebleichten Knochen auf irgendwelchen Feldern oder in einer von Anrainern genutzten Lehmgrube gehandelt.

Gerade in diesem Fall stecken Tod und Teufel buchstäblich im Detail. Natürlich schockieren solche Bilder vor allem in Deutschland. Nach 1945 hat man über Tote oder den Tod lachende deutsche Soldaten nicht mehr gesehen. Auf der symbolischen Ebene spielt dabei selbst das Totenkopf-Zeichen der SS noch mit. Die Fotos aus Afghanistan, wohl schon 2003/04 entstanden, erschüttern die deutsche Öffentlichkeit darum mehr als die Aufnahmen der ersten Särge deutscher Soldaten, die eher bei „kollateralen“ Unglücksfällen als in direkten Kämpfen ums Leben gekommen sind.

Es gibt freilich einen zweiten Grund. Die Bilder machen schlagartig klar, dass hier deutsche Soldaten tatsächlich im Krieg sind: am Boden angekommen, im Dreck, auch in der Verrohung, die jeder Krieg, und sei’s noch der völkerrechtlich gesichertste, mit sich bringt. Die Bundeswehr hat sich beim Aufbau Afghanistans und der Abwehr der mörderischen Taliban bislang beispielhaft benommen. Sie war mehr Helfer als Besatzer. Doch sind Soldaten, wenn es ernst wird, nicht vom Entwicklungsdienst. Und aus dem inländischen, friedlichen „Bürger in Uniform“ wird der zum Töten und Getötetwerden notwendig eingesetzte, ausgesetzte Militär. Dagegen möchte die eher pazifistische deutsche Öffentlichkeit mit dem Dichter Matthias Claudius am liebsten weitersingen: „’s ist Krieg! ’s ist leider Krieg – und ich begehre / nicht schuld daran zu sein!“ Eben deshalb schwingt im jüngsten Erschrecken auch eine unangenehme Erkenntnis mit. Man sieht auf den Bildern der Soldaten sehr junge Mitbürger in Uniform. Schuldig nicht am Krieg, aber verstrickt in seine Folgen.

Das rechtfertigt nicht die groben, grausigen Scherze. Dennoch hat der frivole Umgang mit Schädel, Knochen und dem Knochenmann eine lange Tradition. Schon jene Totengräber, die im „Hamlet“ mit Schädeln werfen, sind in Shakespeares Originaltext „Clowns“. Nicht nur Pathologen und angehende Mediziner treiben bisweilen anrüchige Späße, schon die Schüler im Biologieunterricht spielen mit (früher echten) Gerippen. Das Fernsehen lockt in Krimis und Reality-Shows mit nackten Toten auf dem Seziertisch, und Herrn von Hagens’ „Körperwelten“ unterhalten Millionen. Auch der kirchliche Reliquienkult spielt mit dem Grusel, bis zu Allerseelen und Halloween.

Dagegen ist der Einsatz in Afghanistan kein Spiel. Doch das Grinsetheater mit dem anonymen Totenkopf überspielt womöglich auch das: die eigene Todesangst.

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