Politik : Mitten im Sturm, mitten im August

UNWETTER IN EUROPA

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Von Thomas de Padova

Diesmal war es nicht der Keller. Es war der Balkon. Aus irgendeinem Grund lief das Wasser nicht ab. Es drohte, ins Schlafzimmer zu schwappen. Die Nacht wurde lang und länger, der Regen wollte kein Ende nehmen. Wieder einmal. Mitten im August.

Das Wetter bringt uns – und die Feuerwehr – dieser Tage ein ums andere Mal in Zugzwang. In Berlin sind die schweren Orkanschäden noch nicht alle beseitigt, da platzen erneut Gewitter und Dauerregen herein. Andernorts ist’s noch schlimmer. Heute versinkt Österreich in Wasser und Schlamm, morgen Tschechien. Selbst aus Italien kehren Urlauber nach kräftig verhagelten Sommerferien mit demolierten Autos zurück.

Europa leidet unter den seit langem schlimmsten Überschwemmungen. Die Unwetter sind unvermittelt über eine Region hereingebrochen, die vor verheerenden Naturkatastrophen meist verschont wird und sich in einer trügerischen Sicherheit wähnt. Wir leben im Schutze von Heizung und Klimaanlage, kaufen auf internationalen Obst- und Gemüsemärkten. Das hilft uns über Wetterkapriolen hinweg. So sind Katastrophenschutz und Vorsorge im Bewusstsein des Einzelnen nicht mehr stark verankert.

Dabei sind unsere Städte und Dörfer nach wie vor anfällig für plötzliche Wetterextreme. Und neben den Launen des Wetters gibt es beängstigende, langfristige Klimatrends, die uns zu mehr Vorsorge anhalten: Wir müssen wieder Deiche bauen. An Flüssen, weil die Hochwasser seit Jahrzehnten anschwellen. An der Küste, weil der Meeresspiegel Zentimeter für Zentimeter beharrlich steigt.

Das Klima in unseren Breiten hat sich sichtlich verändert. Im Winter bringen Westwetterlagen immer öfter feuchte und warme Luft nach Mitteleuropa, Sturm und Regen statt Eis und Schnee. Sturzbäche treten über die Ufer. In den Alpen schmelzen die Gletscher in rasantem Tempo.

Der Frühling beginnt früher als noch in den 60ern. Der Maitrieb der Fichte verlagert sich zunehmend in den April hinein. In Südengland baut man jetzt schon wieder mehr Wein an, während der Mittelmeerraum in den heißeren Sommern häufiger unter Dürre ächzt.

Noch streiten Wissenschaftler darüber, ob auch außergewöhnliche Regengüsse und Sommerstürme, wie wir sie in diesen Tagen erleben, mit einem langfristigen Klimawandel zu tun haben und bald zur Regel werden könnten. Einig sind sie sich jedoch darüber, dass wir erheblich zu diesem Wandel beitragen. Die Industrienationen heizen die Erde mit Verbrennungsabgasen aus Haushalt, Verkehr und Fabriken auf. Die zurückliegende Dekade war auf der Nordhalbkugel die wärmste seit 1000 Jahren.

Wir können den Schaden künftig nur dann in Grenzen halten, wenn wir Ressourcen wie Benzin und Heizöl sparsamer einsetzen. Gleichzeitig müssen wir uns wohl schon jetzt auf stärkere Sturm- oder Flutkatastrophen einstellen. Überschwemmungen und Orkane kommen unsere Gesellschaft immer teurer zu stehen, wie nicht zuletzt die ständig steigenden Versicherungssummen zeigen. Es gilt daher, Warnungen der Meteorologen und Klimaforscher ernst zu nehmen.

Andere Regionen der Erde sind von Klimaveränderungen ungleich stärker betroffen als wir. Im Pazifik drohen Inselreiche für immer zu versinken. In Asien greifen Busch- und Waldbrände um sich. Und in der ohnehin schon trockenen Sahelzone bleibt der Niederschlag noch öfter aus. Millionen Menschen hungern und verlassen ihre Heimat.

Heute sind es nicht die Bilder von Flüchtlingsströmen, die uns erschrecken. Wir müssen stattdessen mit ansehen, wie Autos und Öltanks davonschwimmen, Häuser und Ernten weggespült werden. Die vielen Einzelschicksale gemahnen uns auch diesmal daran, dass Menschen plötzlich ihre Lebensgrundlage verlieren können. Wir sind verletzlich, wenn die Zeiten auf Sturm stehen.

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