Mitten in Deutschland : Die schrumpfende Schicht

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) kommt in einer Studie zu dem Schluss, dass die Mittelschicht in Deutschland schrumpft. Wie kommt das DIW zu diesem Ergebnis?

Stephen Bench-Capon
Grafik: Tsp/Bartel

In der Wissenschaft existieren zahlreiche Definitionen von Mittelschicht: nach Berufsgruppe, nach sozialen Faktoren, oder nach Einkommen. Die Verfasser der aktuellen Forschungsarbeit des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) verwenden Daten zu Haushaltseinkommen. Das hat den Vorteil, dass die Gesamtbevölkerung eingeschlossen werden kann, während eine Teilung nach Beruf nur Erwerbstätige berücksichtigt.

Die Bevölkerung wird in drei Einkommensbereiche aufgeteilt, die sich am bundesweit mittleren Einkommen orientieren. Der untere Bereich besteht aus Haushalten, die weniger als 70 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben. Zur oberen Gruppe gehören jene, die monatlich mindestens 150 Prozent des mittleren Einkommens beziehen. Folglich bildet sich die Mittelschicht aus allen Haushalten, deren Einkommen zwischen 70 und 150 Prozent des Mittelwerts liegt, was 2005 Nettoeinkommen zwischen 860 und 1844 Euro entsprach.

Seit dem Jahr 2000 ist die Zahl der Menschen in der mittleren Gruppe von mehr als 64 Prozent der Bevölkerung auf rund 60 Prozent gefallen. Während die Mittelschicht damit schwindet, wächst vor allem die Zahl der Menschen mit niedrigem Einkommen. Im selben Zeitraum ist diese Gruppe von 18 auf 22 Prozent gestiegen. Dies zeigt nicht nur Polarisierung, sondern die Ausweitung der unteren Schicht. Der Mitverfasser der Studie Jan Goebel erklärte, dass außerdem die Mittelschicht keine homogene Gruppe sei. Es gebe große Unterschiede innerhalb des mittleren Bereichs, da rund 60 Prozent der deutschen Haushalte diesem angehören. „Man sollte die ganze Mittelschicht nicht über einen Kamm scheren“, sagte Goebel.

Dennoch zeigt die Studie, dass auch der Bereich der Gutverdiener sich seit dem Jahre 2000 ausgeweitet hat. Nur 2009, während der Finanzkrise, ging die Zahl der oberen Schicht zurück. Die langfristige Wirkung der weltweiten Wirtschaftskrise auf die Polarisierung ist zwar noch nicht abzusehen. Aber dass sie sich verschärfend auf den Trend zur schrumpfenden Mittelschicht auswirken wird, ist laut den Autoren der Studie eher nicht zu erwarten. Auf den ersten Blick scheint der Trend im Krisenjahr 2009 sogar etwas gestoppt worden zu sein. Die Mittelschicht nahm da leicht zu. Dank weniger Gutverdiener stieg die Zahl der mittleren Einkommen um 0,6 Prozentpunkte von 60,9 im Jahr 2008 auf 61,5 Prozent im Jahr 2009. Spätere Folgen der Finanzkrise bleiben aber abzuwarten.

Dennoch bleibe die langfristige Entwicklung einer wachsenden unteren Schicht, die zurück in die 90er Jahre führe. Allerdings seien die Statistiken aus den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung nicht direkt mit den heutigen zu vergleichen, weil damals, wie Goebel sagt, „praktisch alle Ostdeutschen sich im unteren Bereich der westdeutschen Einkommensverteilung befanden“. Im Laufe der 90er Jahre seien die Einkommensverteilungen, wenn nicht die Einkommen selbst, dann relativ schnell zusammen gewachsen.

Die Ergebnisse der DIW-Forscher könnten sich auch auf ein anderes Phänomen der Mittelschicht auswirken, mit dem sich die Wissenschaft seit Jahren beschäftigt: die Angst vor dem Absturz. „Statuspanik“ nennt man diese und sie wurde schon 1955 von dem US-Soziologen Charles Wright Mills beschrieben. Denn der allgemeine Begriff vom „Schrumpfen der Mittelschicht“ täuscht. Dahinter steckt vor allem die Angst, dass die Mittelschicht deshalb kleiner wird, weil mehr Leute in den unteren Einkommensbereich abrutschen und nicht in den oberen aufsteigen. Eine Studie aus dem Jahr 2008 („Die Angst der Mittelschicht vor dem Abstieg“ von den Soziologen Holger Lengfeld und Jochen Hirschle an der Fernuniversität in Hagen) befasst sich mit der „ganz konkreten Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes“ wie Hirschle sagt. Diese Studie zeigte, dass von Anfang der 90er Jahre bis zum Jahr 2005 der Prozentsatz der Mittelschicht, die Angst um den Verlust des Arbeitsplatzes hatte, von rund 40 auf 60 Prozent gestiegen ist.

Allerdings gibt es andere Untersuchungen, die diese Angst als unbegründet ausweisen. Nach einer im Jahr 2008 veröffentlichten Studie des Instituts zur Zukunft der Arbeit seien fast alle Hartz-IV-Empfänger ehemalige Geringverdiener. Daher müssten Mittel- und Gutverdiener nicht so sehr um ihren Arbeitsplatz bangen.

Aus der Studie des DIW geht auch hervor, dass die Armen ärmer werden und die Reichen reicher. Allerdings muss man beachten, dass es zwar in der Tat Veränderungen gab, wonach die oberen Einkommen etwas zugelegt und die unteren Einkommen etwas verloren haben. Allerdings blieben die Werte bis zum vergangenen Jahr recht stabil. Erst im Jahr 2009, dem Krisenjahr, gingen die unteren Einkommen im Vergleich zu den im mittleren Einkommensbereich stark zurück – auf einen ähnlichen Wert wie schon 2003. Inwiefern man also von einem Trend, Arme werden immer ärmer und Reiche immer reicher sprechen kann, ist fraglich.

Unstrittig dagegen erscheint der Trend zur schrumpfenden Mittelschicht, was den Autoren zufolge gesellschaftliche Probleme aufwirft. Wenn der Bereich der Niedrigverdiener sich ausweitete, fänden sie sich häufig in Gebieten der Stadt mit niedrigen Mieten zusammen. Dies führe zu einer „Umsetzung einer Einkommenspolarisierung in eine räumliche Polarisierung der Städte“. Die Schrumpfung der Mittelschicht könne außerdem dazu führen, dass Opfer gesucht werden, weshalb sich Ausländerfeindlichkeit ausbreiten könne. „Das sind aber letztlich reine Spekulationen“, sagt Jochen Hirschle von der Fernuni Hagen.

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