Politik : Mitten ins Herz

Michael Streck

Washington. Am Mittwoch um ein Uhr trat Senatsführer Thomas Daschle vor die Presse. Das Kongress-Gebäude hinter seinem Rücken strahlte unschuldig weiß. Es war ein sonniger Herbsttag. Blauer Himmel, goldene Blätter, milde Luft. Daschle verkündete, dass 31 seiner Mitarbeiter positiv auf Milzbrand-Erreger getestet wurden. Über das Wochenende werde das Repräsentantenhaus geschlossen, um eine sorgfältige Untersuchung des Gebäudes zu ermöglichen. Ein Paukenschlag. Irgendwer hatte es geschafft, Amerika mitten ins Herz zu treffen.

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Themenschwerpunkte: Gegenschlag - Afghanistan - Bin Laden - Islam - Fahndung
Fotostrecke: Bilder des US-Gegenschlags Tagelang hatten Bauarbeiter das Gebäude mit riesigen Betonklötzen umstellt. Sie hatten dreifache Absprerrungsringe gezogen, immer neue Polizeieinheiten aufgestellt. Das steinerne Symbol der amerikanischen Demokratie - eine Festung im Belagerungszustand. Es hat nichts geholfen. Die Festung wurde genommen. Mit einem einfachen Brief. Inhalt: Anthrax-Sporen.

Anthrax, den lateinischen Namen für Milzbrand-Erreger, kennt in den USA mittlerweile jedes Kind. Terrorangriffe mit diesem Erreger wurden bis vor kurzem nur in Planspielen von Pentagon und CIA durchdacht. Sie sind Realität geworden. Doch wieder einmal ganz anders, als es sich die Strategen vorgestellt hatten. Ihre Katastrophen-Szenarien sahen Anschläge mit Sprühflugzeugen und zehntausenden Toten vor. Die mit Bakterien gefüllten Postsendungen erreichen jedoch einen anderen Effekt: Angst, Panik. Reagierten Amerikaner auf die brutalen Anschläge vom 11. September mit fassungslosem Erschrecken und dem Willen, sich von Terroristen nicht in die Knie zwingen zu lassen, fühlen viele angesichts der unsichtbaren Gefahr eine tiefe Verunsicherung und diffuse Angst.

In solchen Momenten helfen kaum noch die Ratschläge und Beruhigungsversuche von Politikern und Experten. Sie warnen vor dem falschen Gebrauch von Medikamenten oder Gasmasken. Aber dennoch liegen die Nerven blank. Das sei verständlich, meint Alan P. Zelicoff von den Sandia National Laboratories in New Mexico. "Man riecht nichts, schmeckt und sieht nichts." Die Symptome zeigen sich erst später: Fieber, Schmerzen, Ausschlag. Manchmal kann es drei Tage dauern, bis die Krankheit ausbricht. Irrationales Verhalten werde dadurch verstärkt. Doch auch Zelicoff wird nicht müde zu betonen, dass es trotzdem unwahrscheinlich sei, Opfer eines Anschlags mit Viren oder Bakterien zu werden. Die Chance sei viel geringer, als in einen Autounfall verwickelt zu sein. Eher werde man in den USA erschossen, meinen manche Zyniker. Mark Smith vom Notfall-Zentrum des Washington Hospital Center versucht den Begriff "Bioterrorismus" zu entmystifizieren: "Die verwendeten Erreger sind nicht neu. Es gibt klare Behandlungswege." Die meisten Krankheiten sind in der Ansteckungsphase behandelbar. Daher entscheidet die rasche Erkennung über Leben und Tod.

Fraglich ist, ob die lange vernachlässigten Gesundheitseinrichtungen in der Lage sind, mit einem großen Anschlag fertig zu werden. Schon jetzt sprechen Labore und Krankenhäuser von Überlastung. Der aktuelle Alarm-Zustand könnte notwendige Reformen vorantreiben. 1,5 Milliarden Dollar will die Regierung bereitstellen, um die Prävention zu forcieren. Für den Großraum Washington wurde extra eine "Bioterrorism Taskforce" gebildet. Sie koordiniert die Vorbereitungen für den Ernstfall: Schulen und Hotels würden bei einem schweren Angriff in Hospitäler umgewandelt, Sammelpunkte für Verletzte eingerichtet. Und: Medikamente würden durch Postboten verteilt.

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