Politik : Mitten unter uns

AIDS IN DEUTSCHLAND

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Von Hartmut Wewetzer

Eine Zeit lang sah es so aus, als würde das AidsVirus niemanden verschonen. Damals, Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts, schien es allgegenwärtig zu sein. Man hatte es in Blutkonzentraten festgestellt, an den Spritzen Drogenabhängiger und in so ziemlich jeder Art von Körperflüssigkeit, bis hin zur Muttermilch. Jetzt musste es nur noch fliegen lernen oder sich über Mückenstiche verbreiten, und die Katastrophe wäre unausweichlich gewesen. Das Virus schien unbesiegbar und würde die menschlichen Beziehungen auf immer verändern, weit über das Intimleben hinaus. Heute, am Beginn des neuen Jahrtausends, ist zumindest in unseren Breiten von diesen apokalyptischen Fantasien nicht mehr viel übrig. Wir Deutschen haben, so scheint es, Aids im Griff. Ein lebensgefährlicher Irrtum.

Gewiss, die Erforschung des Immunschwäche-Erregers und die Entwicklung von Behandlungsmethoden ist eine beispiellose wissenschaftliche Erfolgsgeschichte. Das Virus wurde als Ursache von Aids entdeckt, zuverlässige Tests entwickelt, und nach einigen Jahren folgten hochwirksame Medikamente. Ein Ende ist nicht absehbar. Das Arsenal der Anti-Aids-Waffen wächst beständig. Aids scheint zumindest in den reichen Ländern zu einer chronischen Krankheit geworden zu sein, genauso wie die Zuckerkrankheit, Herzleiden oder Krebs. Neue Infektionen wie die mysteriöse BSE-Seuche haben Aids aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt.

Es ist kein Wunder, dass vor diesem Hintergrund Leichtsinn und Unwissenheit wieder größer werden. Die Bereitschaft, sich mit einem Kondom vor Ansteckung zu schützen, nehme ab, berichtet die Berliner Aids-Hilfe. Und das Robert-Koch-Institut stellt aus Anlass des heutigen Welt-Aids-Tages fest, dass die Zahl der Neuinfektionen unter homosexuellen Männern in diesem Jahr vermutlich wieder steigen wird. Es muss deshalb klar gesagt werden: Eine Infektion mit dem Aids-Erreger ist irreversibel. Noch niemand wurde von dem Immunschwächevirus befreit, eine Impfung dagegen ist nicht in Sicht. In diesem Jahr werden in Deutschland etwa 600 Menschen an der Krankheit sterben, trotz der neuen Arzneien. Und es mehren sich jene Virus-Varianten im Blut der Betroffenen, bei denen hochwirksame Medikamente schon wieder versagen. Eine neue Runde im Ringen mit Aids beginnt.

Weltweit ist die Infektion außer Kontrolle. Deutschland ist davor nicht sicher. Die explosionsartige Ausbreitung von Aids in Osteuropa wird auch für Westeuropa Folgen haben. In der Ukraine ist mehr als jeder Hundertste der 14- bis 50-Jährigen infiziert, in Russland könnte die Zahl der Infizierten in den nächsten acht Jahren auf mehrere Millionen ansteigen. Eine Epidemie von afrikanischer Größenordnung würde dann an der künftigen Ostgrenze der EU grassieren – und dort nicht halt machen.

Aids ist noch immer unter uns, trotz aller Fortschritte bei der Behandlung der unheilbaren Krankheit. Vergesslichkeit kann hier tödlich sein. Deshalb müssen wir weiter auf Aufklärung setzen – und sie sogar verstärken, um etwa die Ausländer und Osteuropa besser zu erreichen. Wenn wir jetzt die Gefahr aus dem Auge verlieren, wird Aids uns irgendwann im Griff haben.

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