Politik : Mitten unter uns

Von Gerd Nowakowski

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Sie wollte leben, wie sie es wollte, und musste sterben. Ihr Mörder bekam nach der Tat eine goldene Uhr vom Vater der Ermordeten. Und die Schwester der auf offener Straße hingerichteten jungen Frau lachte beim Urteil: Jugendstrafe für den jüngsten Bruder, Freispruch für die älteren Brüder. Ein Urteil wie ein Schlag für all jene, die gegen patriarchalische Verhältnisse kämpfen, in denen ein abstruses Konstrukt von Ehre höher steht als das Leben und die Selbstbestimmung junger Frauen.

Nein, keine Schelte des Gerichts. Beweise für eine Mordbeteiligung der beiden älteren Brüder gab es nicht; Aussage stand gegen Aussage. Trotz aller Zweifel, Indizien und Hinweise etwa auf abgesprochene Alibis – für eine Verurteilung der älteren Brüder reichte es nicht. Es bleiben Mutmaßungen: dass so genannte Ehrenmorde im Familienrat abgesprochen werden, dass es üblich sei, den jüngsten Sohn die Tat ausführen zu lassen. Mutmaßungen reichen nicht im Mordprozess. Da stößt ein demokratischer Rechtsstaat an seine Grenzen; wer dies bedauert, muss sich des hohen Preises bewusst sein.

Hatun Sürücü war 15 Jahre alt, als sie vom Vater gegen ihren Willen in eine Ehe gezwungen wurde. Mitten in Deutschland. Und sie war 23 Jahre alt, als sie ermordet wurde. Mitten unter uns. In einem Deutschland, in dem Menschen es als ein gerechtfertigtes Mordmotiv ansehen, wenn junge Frauen in eine Disko gehen, ihr Kopftuch ablegen oder ihren Partner selbst suchen wollen. In den vergangenen zehn Jahren sind in der Bundesrepublik nahezu 60 Frauen deswegen ermordet worden. Im Namen der Ehre – Schandmorde. Der Fall Sürücü hat diesen Skandal viel zu spät zum Thema gemacht. Der Mord muss den Rechtsstaat herausfordern, jeder Frau dieselben Menschenrechte zu garantieren wie deutschen Frauen. Ein Ende des Wegschauens, der falsch verstandenen Rücksicht auf eine fremde Kultur.

Die Ermordung Hatun Sürücüs ist das Ergebnis einer Politik , die vor vierzig Jahren Arbeitskräfte nach Deutschland rief – und auch analphabetische, religiös verbohrte und brutal patriarchalische Menschen kamen. Kluge Einwanderungspolitik sieht anders aus. Aber weil eben damals weder Einwanderung gewünscht war, noch es Konzepte für eine Integrationspolitik gab, leben jetzt Menschen unter uns, die in ihren Köpfen, mit ihren Werten immer noch in ihrer Heimat sind. Das gilt nicht für alle: Hunderttausende türkischstämmige Deutsche haben sich integriert und leiden darunter, kollektiv in Haftung genommen zu werden für die verknöchert-konservativen Familien aus Ostanatolien. Wer Integration ernst meint, muss deswegen Regeln setzen und durchsetzen – für alle. Das sind wir all jenen schuldig, die hier als Deutsche leben wollen.

Vater Sürücü wollte das erkennbar nicht. Seine Familie wohnt seit Jahrzehnten in Berlin-Kreuzberg, aber man lebte nicht wirklich in Deutschland, stellte der Richter resignierend fest. Deswegen wurde auch einfach die deutsche Rechtsordnung ignoriert. Nicht nur die Politik in Berlin, sondern in ganz Deutschland, hat erst übersehen, dann zu lange hingenommen, dass sich Familien eben nicht von alleine integrieren. Das gewachsene Selbstbewusstsein der Neuankömmlinge mündete vielfach in eine wachsende Abschottung mit allen Zeichen einer Parallelgesellschaft. Deswegen wird in Berliner Problembezirken von kriminellen Jugendlichen zunehmend das deutsche Rechtssystem ignoriert und das Gewaltmonopol des Staates herausgefordert, deswegen können Kinder der dritten Einwanderergeneration kein Deutsch, gelten Zwangsehen immer noch als normal und werden Ehefrauen immer noch aus der alten Heimat geholt – ohne Schulbildung und Deutschkenntnisse.

Die Mittel, dies zu verhindern, hat der deutsche Staat. Er muss sie nur stärker nutzen; vom Fragebogen zur Einbürgerung bis zu Abschiebungen für Schwerkriminelle. Zwangsehen etwa sind seit langem verboten, sie als Straftat zu ahnden, längst überfällig. Wer sich integrieren will, muss alle Chancen bekommen. Wer dies nicht will, muss sich entscheiden – notfalls für eine andere Heimat.

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