Politik : Mittendrin

Zu breit, zu hässlich? Um den Alexanderplatz wird ewig gestritten. Roland Korn hat ihn in DDR-Zeiten mit entworfen. Er meint, „sein Alex“ funktioniere noch heute.

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Alex-Architekt Roland Korn. Foto: Heinke
Alex-Architekt Roland Korn. Foto: Heinke

Er sitzt geschützt vor Regen auf den kalten Granitplatten und lehnt sich an den Galeria-Kaufhof. Seine linke Hand krault das Fell vom schwarz-weißen Straßenköter Julius, der sich in den Schoß des Musikanten verkrochen hat, die Rechte umklammert die Trompete. „Wenn ich einmal reich wär“, tönt es über den Alexanderplatz, und schon landet die nächste Münze im aufgeklappten schwarzen Instrumenten-Etui. Ein Mädchen mit langen Beinen und kurzen Hosen stolpert beinah über den kleinen Trompeter und rennt weiter. „Oh wie so trügerisch sind Weiberherzen“, kommentiert das Instrument.

Sein Alex-Blues ist eine Note in der Sinfonie, die im Mittelpunkt Berlins den ganzen Tag erklingt. Das Hören und Sehen macht Spaß, denn der Platz, früher oft genug als kalt und abweisend gescholten, ist mittlerweile eine große Bühne, auf der das Stück „Berlin, Alexanderplatz“ als Dauerbrenner en suite gespielt wird.

Einer der wichtigsten Alex-Macher, der einstige Chefarchitekt der Hauptstadt der DDR, lebt in einer ganz anderen Welt. Roland Korn genießt die Stille der Natur, weite Felder, Koppeln mit Pferden, Bauernhäuser an holprigen Straßen. Er wohnt in einem Häuschen im Brandenburgischen, das er sich 1970 für das Geld vom Nationalpreis für 15 000 DDR-Mark gekauft und später ausgebaut hatte. Durch sein Gartenreich bewegt sich der 83-Jährige nach der Operation einer Hüfte mit einer Krücke. Lesen, Malen und Haushalten sind jetzt die wichtigsten Dinge des Lebens.

Die Staffelei steht mitten im wilden Blütenflor des Gartens, das Haus ist voller Bilder, eine Galerie des Selbstgemalten – und, ein wenig hinter der Tür versteckt, die Skizzen jener Bauten, die sein Arbeitsleben geprägt haben: der Amtssitz des Staatsrates, das Hotel „Stadt Berlin“ als Hochhaus mitten auf dem Alex (das heutige „Park Inn“), das „Haus des Reisens“ und schließlich zwei vollkommen neue Stadtbezirke aus der Retorte, Marzahn und Hellersdorf, wo die Ost-Berliner Wohnungsnot ihr Ende haben sollte.

Korn breitet Zeitungen und Zeitschriften von damals auf dem Gartentisch aus. Seine grauen Haare fallen, wenn ihn das Temperament packt, auf die buschigen Augenbrauen, „ich fühle mich hier sauwohl“, sagt er und beschreibt mit der Krücke einen Halbkreis. „Man erlebt die Jahreszeiten voller Genuss, besonders den Winter. Ich hab da einen Scheinwerfer aufgestellt, damit abends, wenn der Schnee durch die Tanne rieselt und jede Flocke im Licht glitzert, für mich ein kleines Märchen wahr wird.“ Und doch wird er bald zum Sohn, der Vaters Beruf gewählt hat, nach Thüringen ziehen, wo er 1930 geboren wurde und erst Maurer gelernt hat. 1961 kam er als Bauingenieur nach Berlin. Zuvor hatte der 30-Jährige einen Wettbewerb zum Bau der Elbeschwimmhalle in Magdeburg gewonnen, so wird man bekannt.

Sein Kollektiv beteiligte sich an einem internen Wettbewerb zum Bau des Staatsratsgebäudes am damaligen Marx-Engels-Platz, dem heutigen Schlossplatz. Und gewann. Einzige Bedingung: Das Schloss-Portal, von dem Karl Liebknecht 1919 die Republik ausgerufen hatte, musste mit eingebaut werden. „Da haben wir die Proportionen von Eosander modern auf den ganzen Repräsentationsbau übertragen, der Entwurf gefiel dem künftigen Hausherrn Walter Ulbricht, jedenfalls sagte der: ,Nu also, das baut der junge Architekt.’“ Die überraschende Folge: Plötzlich kam aus Bagdad eine Einladung, die SED pflegte ihre guten Beziehungen zur Baath-Partei. „Da wurde ich herumgereicht, und am Ende schrieben die an unsere Regierung, ich sollte Chefarchitekt von Bagdad werden. Das muss man sich mal vorstellen. Ich und Bagdad!“ Roland Korn lacht allein bei der Vorstellung, aber interessant wär’s schon gewesen. Stattdessen beschloss seine Partei, die Stadtzentren aufzuwerten und auszubauen. Der damalige Berliner SED-Chef Paul Verner befahl: „Der Korn fährt nicht nach Bagdad.“ So stürzte er sich mit seinen Mannen auf den Alex, sechs Architektenteams hatten ihre Entwürfe zu einem internen Wettbewerb eingereicht, Korns Kollektiv-Entwurf wurde gebaut. „Das war für uns alle eine Aufgabe ersten Ranges, und alle, die dabei waren, haben ihr Herzblut hineinfließen lassen.“

Gab es schon damals Stimmen, die meinten, der Platz sei zu groß, zu breit, die Architektur zu unfreundlich? Sicher. Was sagt Roland Korn heute dazu? „Der Alex war immer ein Verkehrsplatz, nie ein Architekturplatz. Von der Entstehung achtzehnhundertsowienoch über die Wettbewerbe in den zwanziger Jahren, von denen die beiden Häuser von Peter Behrens, das Berolina- und Alexanderhaus, den Krieg überdauert haben – der Alex war immer ein Knotenpunkt, der Verkehrsströme auslöste.“ Die ständige Bewegung beherrsche den Platz. „Ich glaube, wir haben das weiterentwickelt“, sagt Korn. „Der Straßenverkehr wurde herausgenommen, der freie Platz von Walter Womacka und Hubert Matthes künstlerisch gestaltet. Matthes hatte einen Ring rot blühender Kastanien vorgesehen, die längste Bank der DDR und Blumenrabatten hingestellt. Volksfeste, Märkte, Demos und was weiß ich sollten da stattfinden.“

So kam es. Bei den Weltfestspielen 1973 war der Alex zum Hyde-Park und zum Ort allgemeiner Verbrüderungen geworden. Plötzlich wehte der Duft der großen weiten Welt über den Platz – und jetzt, heute, hat das babylonische Sprachgewirr ähnliche Ausmaße erreicht, aber nun Tag für Tag. Während er früher bei den 1.-Mai-Aufmärschen ein idealer Ort war, die Papp-Porträts der oberen Genossen, die eingerollten Fahnen und die roten Transparente auf die Ladeflächen bereitstehender Lkw zu werfen, hatte er am 4. November 1989 eine Sternstunde ganz anderer Art. Hunderttausende hörten zu, wie nie zuvor Gesagtes über den Platz schallte, und sie lasen Spruchbänder mit Forderungen, deretwegen sie eine Woche zuvor noch in den Knast gegangen wären. Plötzlich, fünf Tage vor dem Mauerfall, war der Alex voll von Glasnost und Perestroika, und wir gingen am Ende beschwingt Erbsensuppe essen, genau da in der Ecke vom Alexanderhaus, wo es heute bei Tchibo nach frisch gemahlenem Kaffee duftet. Von der Erbse zur Arabica-Bohne.

Der Platz behält seine Sommersprossen im Gesicht, aber die Enkel von Döblins Franz Biberkopf, die Häuser, ihre Bewohner und ihre Hoffnungen und Wünsche sind Kinder des Wandels. In seinem „Stechlin“ lässt Theodor Fontane jemanden davon erzählen, dass die Welt um den Alex von einer „gewissen Unresidenzlichkeit“ sei, dass sich dort das Marktgeschrei und der Verkehrslärm zur Geltung brächten. Ein alltäglicher Ort der kleinen Leute also, vielleicht auch des Groben. Ein großer Bauch von Berlin. Eine Legende.

Die Bretter, die hier die Welt bedeuten, sind quadratische Granitbodenplatten, die nach dem Umbau 2007 ein möglichst ruhiges, einheitliches, fugenloses Bild erzeugen sollten. Heute sieht jeder, dass die sicher nicht wenig teure Rechnung ohne die Benutzer und ihren Kaugummiauf-die-Erde-Spuckdrang gemacht wurde. Appetitlich ist das nun gerade nicht, nur Spatzen und Tauben essen hier vom Fußboden, während daneben eine schwarze Krähe aus einer Schale vom „Brunnen der Völkerfreundschaft“ trinkt. Den machten die Berliner wegen der bunten Farben flugs zur „Nuttenbrosche“. Deren Brunnenrand ist eine bequeme Bank, es rauscht und plätschert.

Oben, in der Bahnhofshalle, quietscht alle fünf Minuten eine S-Bahn, die Straßenbahn, deren Gleise den Platz wie eine Torte in zwei Teile trennen, schleicht sich so langsam an, dass eine ältere Dame mit ihrem Rollator noch rechtzeitig von den Schienen kommt. Und von den U-Bahn-Linien unter der Erde hört man nichts, man sieht nur die Leute aus den Zugängen zur Unterwelt quellen, zur Bank und in die Kaufhäuser eilen, um dann wieder im touristischen Getümmel zwischen Fernsehturm und „Haus des Reisens“ zu verschwinden. Übrigens ist der Platz mit seiner 1A-Lage längst größer denn je geworden, er dehnt sich vom rötlichen Kaufhaus „Alexa“, das die Berliner Schnauze wegen seiner umstrittenen Architektur „Pharaonengrab“ nennt, bis zu einer Kette von neuen Hotels, die sich allesamt – wie ihr großer Bruder, das „Park Inn“ mitten auf dem Platz – nicht über Mangel an Zuspruch beklagen.

Roland Korn freut sich, dass „sein Alex“ auch noch vierzig Jahre später gut funktioniert. Das hohe Hotel mitten auf dem Platz war eine Vorgabe im Wettbewerb, es sollte ein kleines Gegengewicht zum Fernsehturm werden. „Wir hatten hundert Millionen Mark für die Bauten um den Platz zur Verfügung, damit konnte man schon einiges anfangen.“ Solch fast 150 Meter hohes Hotel hatte es bis dahin nicht gegeben. „Für uns alle war es ein Traum, dieses Haus bauen zu dürfen.“ Dann kam das „Haus des Reisens.“ Damals waren drüben im Westen Großraumbüros in Mode. „Da bin ich nach West-Berlin gefahren und habe mir eine Reihe Fachzeitschriften besorgt, woher sollten wir wissen, wie solche Büros funktionieren?“

In einem Stockwerk dieses großen Bürohauses am Rand des Platzes gab es ein paar Schalter, an denen für sehr privilegierte Leute Reisen in westliche Feriengebiete verkauft wurden. Die Trennwand zu diesem Sonderreisebüro war weiß und kahl. „Das hab ich dem Walter Womacka erzählt, und der hat gleich eine sehr schöne Plastik entworfen. Schon sah das alles ganz manierlich aus, und kaum einer wusste, dass dahinter die Devisen lagen.“ Womacka hat auch an der Außenfront ein zum Thema passendes Bild gemacht: „Der Mensch überwindet Zeit und Raum.“ Köpfe im Kosmonautenhelm, eine Windrose, zwei Friedenstauben, fertig. Dahinter, in den Büros, war man schon froh, eine Reise ans Schwarze Meer zu erstehen oder nach Ungarn.

Heute setzt „Desla“-Touristik die Tradition dieses Hauses mit der Adresse Alexanderstraße 7 fort – im sechsten Stock des mit Büros gut besetzten Gebäudes, für das Roland Korn einst einen Architekturpreis erhielt. Er würde sich freuen, wenn das Haus eines Tages unter Denkmalschutz geriete, als Beispiel für die Architektur jener Jahre. Korn wollte damals die Fassade auflockern, aber wie? Er träumte eines Nachts von Wikingern, die mit ihren Schiffen auf die große Reise gingen, heureka, das wars: „Da wurde eine Flasche Schnaps gekauft, damit bin ich ins Betonwerk gefahren, hab dem Chef gesagt, dass ich einen Schiffsbug aus Fertigteilen brauchte. So war das damals.“

Jetzt geht das ganz anders. Jetzt ist alles möglich. Jüngst stritten sich Planer und Investoren wieder, wie es weitergehen soll auf dem Alex, was bleiben und was kommen darf. Hochhäuser? „Na gut, nur nicht so viele. Totalabriss des Bestehenden wäre sinnlos und unökonomisch, solange es benutzbar ist“, sagt Korn und blättert in einer alten Architekturzeitschrift, wo einer seiner Vorgänger, Hans Scharoun, 1946 geschrieben hat: „Wir bauen eine neue Gesellschaft, aber diese darf nicht in die Gehäuse der alten kriechen, wir müssen ihr neue Gehäuse schaffen“ – als Ausgangspunkt einer neuen urbanen Realität. Jede Zeit hat ihre Gehäuse, als Hülle für Leben und Nutzbarkeit.

Nach der Wende standen die Ost-Architekten im Regen, kaum einer wollte ihren Rat oder wenigstens ihre Motive, wie und warum dies und jenes so und so gelaufen ist. Korn hörte auf einen Freund: „Roland, reg dich nicht auf, die Schlacht ist verloren. Mach was Neues!“ Er wurde selbstständig, die Grundrisse etwas kleiner.

„Die Menschen in Ost und West haben zueinandergefunden, wir sind eine gesamtdeutsche Familie. Darüber bin ich froh“, sagt Korn, der am Schluss noch erzählt, welches Projekt er nicht verwirklichen konnte:  Eine Schwimmhalle mitten auf dem Alex, da, wo heute das Saturn-Haus steht. „Die Erschließung war zu teuer, weil darunter ein Luftschutzbunker liegt. Aber es wäre doch sehr menschenfreundlich gewesen.“

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