Mittenwald : Bundeswehr verteidigt Rituale

Die Bundeswehr will nach Bekanntwerden von fragwürdigen Initiationsriten am Gebirgsjägerstandort in Mittenwald nichts an ihren Grundsätzen der Inneren Führung ändern. Eine Ekelerziehung sei aber nicht notwendig, erklärte ein Oberst.

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Berlin -  „Wir halten Rituale für gruppenstabilisierende Elemente“, sagte Oberst Siegfried Morbe, Bereichleiter „Konzeption und Weiterentwicklung Innere Führung“ am Zentrum Innere Führung in Koblenz, dem Tagesspiegel. Die Grenzen seien allerdings dann erreicht, wenn sich diese Rituale gegen die Menschenwürde richteten. „Für Ekelerziehung, wie sie in Mittenwald geschehen ist, gibt es keine dienstliche Notwendigkeit“, sagte Morbe. „An dieser Stelle sind die Vorgesetzten gefragt.“

Der Wehrbeauftragte der Bundestages, Reinhold Robbe (SPD) hatte im Nachgang der Vorfälle in Mittenwald eine bessere Aufklärung der Soldaten gefordert. Ihnen müsse klargemacht werden, dass bei Ritualen wie dem in Mittenwald auch Menschen zu Tode kommen könnten. Es sei Nichtwissen um die ethischen Grundlagen des Soldatenberufes, das dazu führe, „dass so etwas vorkommen kann“.

Oberst Morbe zufolge haben Bundeswehrführungskräfte vom Unteroffizier bis zu höheren Dienstgraden die Pflicht, Werte wie gegenseitigen Respekt, Menschenwürde, Anstand und Sitte an ihre Schützlinge weiterzugeben. „Mehr noch, sie müssen sie ihnen vorleben“, sagte Morbe. Dazu gehöre auch, der Pflicht der Dienstaufsicht nachzukommen und seinen Führungswillen klar zu formulieren nach dem Motto: „Das dulde ich nicht.“ Allerdings hätten vor allem Unteroffiziere, die zwischen 23 und 25 Jahren alt sind, für Führungsaufgaben trotz entsprechender theoretischer Qualifikation womöglich ungenügende Reife. Zwar würden die Führungsfähigkeiten der Soldaten in regelmäßigen Abständen im Praxistest überprüft. Dieser fände jedoch unter „Laborbedingungen“ statt: „Da hackt keiner dem anderen ein Auge aus.“

Dass Rituale, wie im Fall Mittenwald, trotz mehrfachen Verbots durch Vorgesetzte im Geheimen stattfinden, lasse sich unter Umständen nicht verhindern. Führungsoffiziere müssten aber ein Gespür dafür entwickeln, „dass sich da was tut“, sagt Morbe. Das sei angesichts einer immer größeren Fülle an Aufgaben und wachsender Bürokratie nicht einfach. Für wichtige Gespräche mit Untergebenen bliebe im Berufsalltag zu wenig Zeit. „Dafür muss es mehr Freiräume geben“, forderte Morbe. Zudem müsse die Bundeswehr dafür Sorge tragen, den Soldaten genügend Gelegenheiten zu geben, ihren Elitegedanken oder Korpsgeist auf andere Arten umzusetzen als durch Rituale. Als Beispiel dafür nannte der Oberst sportliche Aktivitäten, die das Zusammengehörigkeitsgefühl stärkten.

Die Bundeswehr will die Ermittlungen im Fall Mittenwald noch in dieser Woche abschließen. Bislang seien etwa zwei Drittel der 24 Soldaten der betroffenen Einheit befragt worden, sagte Bundeswehrsprecher Peter Wozniak. Die Untersuchungen konzentrierten sich derzeit auf einen Kreis von drei bis fünf Personen. Nach Abschluss der Ermittlungen wird das Bataillon dem Wehrbeauftragten des Bundestages Bericht erstatten. Die Befragungen der Soldaten hatte sich verzögert, weil einige Kameraden mittlerweile versetzt wurden und die Ermittler deshalb auf die Unterstützung der Vorgesetzten vor Ort angewiesen sind. mit ddp

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