Politik : "Mitternachtstagebuch": Präsidentenmarathon

Doris Heimann

Zum Abschied überraschte er die Welt noch einmal mit einem Paukenschlag: Mit untrüglichem Instinkt für perfektes Timing verkündete Russlands Präsident Boris Jelzin zur Jahrtausendwende seinen Rücktritt. Die dramatischen Stunden vor und nach dieser Entscheidung bilden das erste und sicherlich das spannendste Kapitel in dem jetzt veröffentlichten "Mitternachtstagebuch" des Ex-Präsidenten. In seinem dritten Memoirenband konzentriert sich Jelzin auf die Periode seiner zweiten Amtszeit, die Jahre nach 1995. Als Ghostwriter fungierte Valentin Jumaschew, seit 1989 Jelzins Vertrauter und zeitweise Leiter der Präsidialverwaltung. Auch Jelzins Tochter Tatjana Djatschenko, Imageberaterin ihres Vaters, soll Einfluss auf das Buch genommen haben. Enthüllungen hat der Band jedoch nur wenige zu bieten.

Die Entscheidung zurückzutreten, habe er ganz allein für sich getroffen, betont der russische Ex-Präsident mehrfach. Seine eigentlichen Motive für diese Entscheidung verrät er aber nicht. Kreml-Experten waren stets davon ausgegangen, dass der gesundheitlich angeschlagene Präsident von seiner Umgebung zum frühzeitigen Rücktritt gedrängt worden war.

Dafür führt das erste Kapital in das ein, was sich als Leitmotiv durch das ganze Buch zieht: Jelzins Suche nach einem geeigneten Nachfolger, die ihn schließlich zu Wladimir Putin und damit zum Ziel führte. "Präsidentenmarathon" lautet auch der Titel des russischen Originals. Jelzin beschreibt, wie er schon nach seiner Wiederwahl 1996 mit der Nachfolger-Suche begann. Sein einfaches Prinzip: "trial and error". Zu Beginn dieser Phase habe er selbst mit General Alexander Lebed geliebäugelt: "Vielleicht war er der junge Politiker, den ich gesucht habe?"

Doch der Militär erwies sich schnell als zu polterig. Andere testete Jelzin für höhere Weihen auf dem Schleudersitz des Premierministers. Tschernomyrdin erschien ihm dabei zu sehr dem alten Denken verhaftet, Kirijenko nach dem Rubelsturz im August 1998 nicht mehr tragbar, Primakow entpuppte sich als intriganter Ewig-Gestriger, Stepaschin versagte als Weichling im Tschetschenien-Krieg. Nicht ohne sadistischen Genuss beschreibt Jelzin, wie sich jeder Einzelne vor ihm wand, wenn er aus heiterem Himmel von seiner Entlassung erfuhr.

Sichtlich gefällt sich der Ex-Präsident in der Rolle des unberechenbaren, nur nach eigener Intuitition handelnden Akteurs. Seine gefürchteten Personalrochaden, die von außen betrachtet immer plan- und hilfloser wirkten, waren nach der Logik des Buches gezielte Schritte. So definiert Jelzin seinen Zickzackkurs im Nachhinein zur geraden Linie, das wirkt streckenweise sehr gewollt.

Was bisher nicht bekannt war: Bereits bei der Ernennung des damaligen Innenministers Stepaschin zum Premier im Mai 1999 wollte Jelzin eigentlich dem Geheimdienstchef Wladimir Putin den Posten geben. Doch sei die Zeit für den "harten Putin" noch nicht reif gewesen, schreibt Jelzin. Besonders habe ihn beeindruckt, dass Putin seinem Mentor, den ehemaligen St. Petersburger Bürgermeister Anatolij Sobtschak, unter Umgehung der Gesetze die Ausreise nach Frankreich ermöglichte, um ihn vor Verfolgung der Staatsanwaltschaft zu schützen. Putin sei ihm schon früh aufgefallen als Mensch, der "auf alles im Leben gefasst ist."

Bei aller in dem Buch demonstrierten Entscheidungsfreude: Von seiner zweiten Amtsperiode verbrachte Jelzin rein rechnerisch weniger als die Hälfte im Kreml. Auch den sich häufenden gesundheitlichen Einbrüchen hat der Ex-Präsident mehrere Kapitel gewidmet. Unter der Überschrift "Sehr persönlich" räumt Jelzin außerdem ein, er habe 1994 bei der Verabschiedung der russischen Truppen in Berlin "nach ein paar Gläsern" Alkohol ein Polizei-Orchester dirigiert. Schon früh in seiner Laufbahn habeer bemerkt, dass sich Stress mit Alkohol schnell abbauen lasse. Nach seiner Herzoperation habe er aber dann auf Anraten der Ärzte keinen Alkohol mehr angerührt.

Ausführlich beschreibt Jelzin seine vielen Treffen mit Staatsmännern anderer Länder. Vom Protokoll fühlte er sich meist eingeengt, am liebsten waren ihm Treffen "ohne Schlips", in einer Jagdhütte oder beim Angeln. Sehr persönliche Worte findet er in seinem ansonsten eher kühl geschriebenen Buch für Jacques Chirac und Helmut Kohl. Die Lewinsky-Affäre, die US-Präsident Bill Clinton beinahe das Amt kostete, hält Jelzin für eine eingefädelte Intrige. 1996 habe er durch ein Telegramm der russischen Geheimdienste von Plänen der Republikaner erfahren: "Da Clintons Faible für hübsche junge Frauen bekannt sei, planten seine Gegner, in seine Umgebung eine junge Provokateurin einzuschleusen. Sie sollte einen Riesenskandal auslösen." Diese Provokateurin sei dann Monica Lewinsky gewesen.

Als er sich mit seiner Neujahrsansprache von der politischen Bühne verabschiedete, bat Jelzin das russische Volk um Vergebung für Härten und die vielen enttäuschten Hoffnungen, die seine Amtszeit gebracht hätten. Auch in seinem Buch lässt Jelzin immer wieder Selbstzweifel deutlich werden. So habe er bei seinem ersten Theaterbesuch nach dem Rücktritt befürchtet, ausgepfiffen zu werden. Vielleicht, so seine Schlussfolgerung, werde es andere geben, die den "Präsidentenmarathon" leichter und eleganter absolvieren. Aber er selbst habe es wenigstens geschafft, durchzuhalten.

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