Politik : „Mitverantwortung wird jetzt klein geschrieben“

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Herr Grosser, Kanzlerin Merkel vertritt in der Griechenlandkrise die Linie: Die Stabilität des Euro hat Vorrang. Hat sie recht?

In Frankreich schreiben alle Zeitungen, dass die harte Haltung der Kanzlerin vor allem mit den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen zusammenhängt. Die Kanzlerin, so die französische Lesart, lasse sich im Umgang mit Griechenland vor allem von der Innenpolitik leiten. Das wird in Frankreich als großer Meinungsumschwung wahrgenommen.

Auffällig am Verhalten Merkels ist, dass es ihr auf EU-Ebene nichts ausmachte, zeitweilig fast völlig isoliert zu sein.

Das ist ein Novum, weil Berlin und zuvor Bonn ein Zentrum des europäischen Gedankens und der Mitverantwortung war. Die Mitverantwortung wird jetzt ganz klein geschrieben.

Ist die Besinnung auf die nationalen Interessen innerhalb der EU ein rein deutsches Phänomen oder erleben wir eine ähnliche Entwicklung nicht auch in Frankreich?

Die Hinwendung des französischen Präsidenten Sarkozy zu den deutsch-französischen Beziehungen gleicht einer Bekehrung, die immer nur zeitweilig ist. Gelegentlich fällt Sarkozy auch in die nationale Rolle zurück. Und das ist auch gegenwärtig der Fall.

Sie spielen auf die Attacke der französischen Finanzministerin Christine Lagarde auf die deutsche Exportstärke an.

Da hat sich gerade ein Freundespaar getrennt. Bis jetzt waren die Beziehungen zwischen dem deutschen Finanzminister Schäuble und seiner französischen Amtskollegin ausgezeichnet. Das hat sich jetzt drastisch geändert – und man muss davon ausgehen, dass Frau Lagarde ihre Kritik an der deutschen Exportstärke auf Befehl von Präsident Sarkozy vorgetragen hat.

Wird es zwischen Deutschland und Frankreich eine neue Debatte über eine europäische Wirtschaftsregierung geben?

Ich sehe die Aussichten für eine solche Wirtschaftsregierung pessimistisch. Schon auf nationaler Ebene haben doch Frankreich und Deutschland Schwierigkeiten, ihre Versprechen bei der Einhaltung der Defizitkriterien zu erfüllen. Wie soll man dann auf europäischer Ebene zu mehr Koordinierung kommen?

Das Gespräch führte Albrecht Meier.

Alfred Grosser (85)

ist deutsch-französischer Publizist und Kenner der Beziehungen zwischen beiden Ländern. 1975 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

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