Politik : Mode der Intoleranz

Zeitzeugen des Holocaust warnen in Berlin vor neuem Antisemitismus in Europa – Rau warnt auch vor pauschalen Urteilen

Claudia von Salzen

Bis vor kurzem hatte Elie Wiesel noch geglaubt, so eine Geschichte würde er nie wieder von Juden in Berlin, Paris oder Amsterdam hören. „Sie tragen auf der Straße lieber keine Kippa, um nicht als Juden erkannt zu werden", sagte der Friedensnobelpreisträger und Holocaust-Überlebende zum Auftakt der Antisemitismus-Konferenz der OSZE in Berlin. „Sechzig Jahre nach dem Holocaust sind Juden schon wieder oder immer noch direkt oder indirekt bedroht“, sagte auch Paul Spiegel, Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland. Jüdisches Leben in Europa – das ist heute auch ein Leben mit der Angst. „Diese Signale sind alarmierend. Wir wissen, wo Antisemitismus herkommt und wo er hinführt, wo er seine Opfer hingeführt hat“, sagte Wiesel, und seine Stimme zitterte ein wenig dabei. Im April 1944, vor genau sechzig Jahren, wurde Elie Wiesel von Ungarn aus nach Auschwitz deportiert. „Ohne Antisemitismus wäre der Holocaust nicht gewesen, was er war“, sagte Wiesel.

Seit vor zwei Jahren eine Welle antisemitischer Gewalt Europa erschütterte, gehört das Gefühl der Bedrohung für viele Juden ebenso zum Alltag wie die subtilen Diskriminierungen. „Früher wäre es nicht denkbar gewesen, dass ein jüdisches Kind in Frankreich die Schule wechseln muss“, sagte Simone Veil, die frühere Präsidentin des Europaparlaments, die auch eine Überlebende des Holocaust ist. „Intoleranz ist in Frankreich in Mode gekommen.“ Gleichwohl sei Frankreich kein antisemitisches Land.

Eines machten alle Redner der Berliner Konferenz deutlich: Antisemitismus ist eine Bedrohung nicht nur für die Juden, sondern für die gesamte Gesellschaft. „Der Antisemitismus ist eine Kampfansage an die Grundwerte unserer Gesellschaft“, sagte Außenminister Joschka Fischer. Bundespräsident Johannes Rau rief die Europäer zu mehr Zivilcourage auf.

Rau widmete sich auch dem größten Streitthema der Konferenz – der Frage, wann Kritik an Israel Ausdruck einer antisemitischen Haltung ist. „Jeder weiß, dass hinter mancher Kritik an der Politik israelischer Regierungen in den vergangenen Jahrzehnten massiver Antisemitismus steckt“. Zugleich mahnte er aber auf allen Seiten einen differenzierten Blick an: „Solche Erfahrungen geben niemandem das Recht, Kritik an der jeweiligen israelischen Regierung generell als antisemitisch zu diskreditieren."

Die Teilnehmer der Konferenz waren sich einig, dass mehr gegen die Judenfeindschaft getan werden muss - in Schulen, im Internet oder durch verbesserte Gesetze. Fischer erinnerte daran, dass das Thema Antisemitismus keineswegs nur die Regierungen angehe: „Die Ächtung des Antisemitismus ist auch die Aufgabe jedes Einzelnen.“

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