Moderne Muslime : Mit Mathe auf dem Weg zu Allah

Seit 30 Jahren lehrt der türkische Prediger Fethullah Gülen, dass Muslime die Moderne annehmen, sich bilden und gleichzeitig fromm bleiben sollen. Inzwischen gibt es rund 150 Nachhilfe-Institute und zwölf Schulen in Deutschland, die der Gülen-Bewegung nahestehen.

Claudia Keller,Thomas Seibert
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Bildung als Gebot. Bildung als Gebot. Fethullah Gülen unterstützt weltweit Schulen . Foto: LaifFoto: Laif

PotsdamPotsdam - Selten sitzen so viele Männer und Frauen mit türkischen Namen im Audimax der Universität Potsdam. Das aber soll sich ändern, wenn es nach dem türkischen Prediger Fethullah Gülen geht.

Der 68-Jährige lehrt seit 30 Jahren, dass Muslime die Moderne annehmen, sich bilden und gleichzeitig fromm bleiben. Seine Anhänger betreiben weltweit tausende Nachhilfe-Institute, Schulen und Universitäten. Auch in Deutschland findet Fethullah Gülen immer mehr Anhänger. Türkischstämmige Eltern schicken ihre Kinder auf mittlerweile 150 Nachhilfe-Institute und zwölf Schulen, die der Gülen-Bewegung nahestehen. Die Nachhilfe-Einrichtungen gibt es mittlerweile fast in jeder größeren Stadt. In Berlin gehören die Spandauer Schulen des Trägers Tüdesb zu dem Netzwerk. Bislang versuchten die religiös inspirierten Bildungseinrichtungen ihre Zugehörigkeit zum Gülen-Netzwerk in der Öffentlichkeit zu verheimlichen.

Am Dienstag und Mittwoch nun luden das FID Berlin, ein Gülen-naher Verein zur Förderung des interkulturellen Dialogs, und das Institut für Religionswissenschaft der Universität Potsdam zur internationalen Konferenz „Muslime zwischen Tradition und Moderne. Die Gülen-Bewegung als Brücke zwischen den Kulturen“. Als Kooperationspartner hatte man die Deutsche Orient-Stiftung, das Abraham-Geiger-Kolleg und die Evangelische Akademie gewonnen.

Im Programm hieß es, die Gülen-Bewegung solle einer „wissenschaftlichen Betrachtung“ unterzogen werden. Doch leider geriet die Tagung zu einer reinen Jubelveranstaltung. So war viel zu hören über Gülens Engagement für den „Weltfrieden“ und den „Dialog der Kulturen“, darüber, wie wichtig seine Philosophie für die Integration der hiesigen Muslime sei und wie unverzichtbar für die westliche Gesellschaft, die zwar technisch versiert sei, aber die Moral vernachlässige. Kritische Stimmen auf dem Podium gab es kaum, die einzigen kritischen Fragen wurden von Journalisten aus dem Publikum gestellt. „Natürlich bin ich kein Kritiker der Gülen-Bewegung, sonst wäre ich heute nicht hier“, sagte der niederländische Theologe Pim Valkenberg, der Fethullah Gülen mit dem Humanisten Erasmus von Rotterdam verglich. Zudem wurde verschleiert, welche Referenten selbst zur Bewegung gehören.

So blieben viele Fragen offen. Denn nicht nur in der Türkei betrachten viele Fethullah Gülen mit einer Mischung aus Faszination und Misstrauen. Der aus Ostanatolien stammende Gülen machte sich in den 60er Jahren als Imam durch seine Predigten einen Namen. Mitte der 90er Jahre wurde er von vielen türkischen Politikern und Intellektuellen als Modernisierer des Islam gelobt, weil er für eine Verbindung von Religion und Naturwissenschaften eintritt. Die Natur ist für Gülen das Buch Allahs, das man als Naturwissenschaftler lesen lerne. Wissenschaft und moderne Technik sind für ihn nicht Gegner des Islam, sondern Quelle religiöser Erkenntnis. Gülen traf sich auch mit Vertretern anderer Religionen, darunter Papst Johannes Paul II.

Armee und Justiz in der Türkei betrachteten Gülen allerdings immer mit Misstrauen und sahen sich bestätigt, als Ende der 90er Jahre der Mitschnitt einer Rede auftauchte, in der Gülen seine Anhänger zu einer Art Marsch durch die Institutionen aufrief, mit dem Ziel, die Macht im Staat zu erobern. Geduldig und ohne den offenen Streit mit dem säkularen Establishment zu suchen, sollten sich fromme Muslime wichtige Positionen erarbeiten, sagte Gülen demnach. Die Staatsanwälte sahen in der Rede einen Aufruf zum Umsturz. Gülen sagte immer wieder, dass er keinen islamischen Gottesstaat wolle, vielmehr seien Teile seiner Rede absichtlich so zusammengeschnitten worden, damit dieser Eindruck geschürt werde. Gülen floh in die USA, von wo aus er seine Bewegung lenkt. Dazu gehören nicht nur Schulen, sondern auch Unternehmerverbände und die türkische World Media Group unter anderem mit der religiös-konservativen Qualitätszeitung „Zaman“. Vergangenes Jahr wurde das Urteil gegen ihn in der Türkei aufgehoben.

Es gehe der Gülen-Bewegung darum, durch die eigenen Bildungseinrichtungen eine muslimische Elite heranzuziehen, die sich in der globalisierten Welt zurechtfindet und gleichzeitig fromm ist, sagte der Islamwissenschaftler Bekim Agai auf der Konferenz. Dass dadurch eine schleichende Islamisierung Europas betrieben werden könnte, hält er nicht für möglich. Die Privatschulen folgen den säkularen Rahmenlehrplänen, Islamunterricht steht nicht auf dem Stundenplan. Wer sich als Schüler allerdings als religiös aufgeschlossen entpuppt, wird weitergereicht an Gülen-nahe Universitäten und Studentenschaften.

Das Ringen der Gülen-Anhänger darum, religiöse Identität mit Bildung und Integration in die säkulare Umwelt zu verbinden, erinnere ihn an die Entwicklung des liberalen Judentums im 19. Jahrhundert, sagte Rabbiner Walter Homolka, Direktor des Abraham-Geiger-Kollegs. Deshalb sei er gerne bereit gewesen, die Tagung mitzuveranstalten. „Es ist ungerecht, religiöse Muslime an der liberalsten Ausprägung unserer Werte zu messen“, sagte Homolka. Denn auch unter Christen und Juden gebe es Milieus, die diesem Maßstab nicht standhalten.

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