Politik : Moderne Seeräuber - 3,4 Milliarden US-Dollar sind 1999 wegen Piraterie verloren gegangen

Wilfried A. Herrmann

Viele Menschen denken, dass nach dem Ende der Segelschiff-Ära auch die Piraterie in die Erlebniss-Welt vergangener Jahrhunderte gehöre. Aber der brutale Piratenüberfall auf ein Ferienhotel in Malaysia hat die alte Gefahr wieder in das Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gerückt. Die Statistiken des International Maritime Bureau (IMB) in London zeigen seit dem Zweiten Weltkrieg ein stetiges Ansteigen der gemeldeten Pirateriezwischenfälle bis auf 247 im Jahr 1997 und 285 Vorfälle im Jahr 1999.

Obwohl die Zahl der Überfälle im letzten Jahr leicht zurück gegangen ist, gibt die deutlich höhere Zahl an getöteten Seeleuten Anlass zur Besorgnis. Der Gesamtschaden belief sich 1999 auf mehr als 3,4 Milliarden US-Dollar, hinzu kommen noch einmal rund 400 Millionen US-Dollar Vermögensverluste durch Folgekriminalität.

Die Malakkastraße in Südostasien und die angrenzenden Meere bilden das Nadelöhr der Seehandelswege zwischen Indischem und Pazifischem Ozean mit einer Verkehrsdichte von mehr als 2000 Schiffen pro Tag. Der Asien-Afrika Handel und die größten Teile des Asien-EU Handels passieren diesen Seeweg, der die höchste Schiffsquote pro Tag weltweit besitzt. Deshalb verwundert es nicht, dass inzwischen fast 70 Prozent der gemeldeten Pirateriezwischenfälle in Asien stattfinden. Zusätzlich bieten die geographischen Gegebenheiten Vorteile für die Piraten: die enge Straße von Malakka fordert höchste Konzentration der Schiffsbesatzung nach vorne, nach hinten beschränkt die kleine Kopfzahl der Besatzung eines modernen Handelsschiffes die Anzahl der Ausgucks auf ein Mindestmaß. Außerdem bietet die weitläufige Inselwelt Indonesiens und der Philippinen gute Verstecke.

Eine Bewaffnung von Handelsschiffen zur Selbstverteidigung gegenüber Seeräubern erscheint zwar einigen amerikanischen Fachleuten und einer britischen Firma, die ehemalige britische Army-Gurkhas als "Schutztruppe" an Reeder vermietet, als gute Möglichkeit. Doch die International Maritime Organization der UN und das International Maritime Bureau in London raten davon ab. Ein Grund dafür sind die komplizierten Rechtsverhältnisse an Bord eines Schiffes, das beispielsweise unter deutschem Management, mit liberianischer Flagge, philippinisch-indonesischer Besatzung und deutschen Offizieren fährt. Außerdem fürchtet man, dass die Überfälle noch mehr eskalieren und Tote und Verletzte an der Tagesordnung sein könnten.Dr. Wilfried A. Herrmann ist Südostasienexperte aus Hamburg.

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