Politik : Moderne Sklaverei: Das Geschäft mit der Ware Mensch

Hella Kaiser

Tausende von Jahren und in nahezu allen Teilen der Welt wurden Menschen erniedrigt und versklavt. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts formierte sich eine Bewegung gegen die Sklaverei, und es sollte lange dauern, bis das zivilisierte Europa in seinen Kolonien von diesen Praktiken abließ. Eine unrühmliche Geschichte, die - zum Glück - endgültig vorüber ist. Wirklich? Pino Arlacchi zeigt das Gegenteil. In seinem Buch "Ware Mensch" weist er nach, dass Sklaverei auch heute existiert.

Der Autor, seit 1994 Leiter der Drogen- und Kriminalitätsbekämpfung der UN in Wien, legt einen traurigen Katalog von Menschenrechtsverletzungen vor. Die Ausbeutung habe, so Arlacchi, seit den 70er Jahren sogar zugenommen. Rund 200 Millionen Menschen sollen sich Schätzungen zufolge derzeit weltweit im Zustand der Sklaverei befinden. Der einzige Unterschied zur Vergangenheit: "Die Ketten dieser Sklaven sind nicht sichtbar", schreibt Arlacchi. Das moderne Spektrum reiche von psychischem Druck über Erpressung und Schulden bis hin zu Prügel, Verstümmelung und Ermordung.

Frauen vor allem sind weltweit die Opfer. Die sexuelle Ausbeutung gehört zu den profitträchtigsten Geschäften der organisierten Kriminalität, deren Machenschaften im Zuge der globalisierten Märkte immer leichter zu werden scheinen. Allein in der EU sollen sich rund eine halbe Million Frauen gezwungenermaßen prostituieren.

Zur Prostitution gezwungen

Pino Arlacchi zeichnet die Routen der Schlepperbanden nach und zeigt, wie sich die Einwanderungswellen im Straßenstrich widerspiegeln. Italien ist da ein beredtes Beispiel. Von 1989 an wurden überwiegend Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien ins Land geschleust, dann kamen Nigerianerinnen und Südamerikanerinnen, bis man 1994 begann, Albanerinnen zu "rekrutieren". In Deutschland soll der Anteil der ausländischen Prostituierten rund 75 Prozent betragen. Wie viele der Betroffenen falschen Versprechungen glaubten und sich später gegen ihren Willen in Bordellen wiederfanden aus denen sie sich durch Liebesdienste "freikaufen" müssen, kann man nur schätzen.

"Im Gegensatz zu antiken Sklaven, die immerhin einen rechtlichen Status besaßen, sind die heutigen Sexsklavinnen ohne jeden gesetzlichen Schutz", beklagt Arlacchi. Auch den Kindern geht es so, die etwa in Afghanistan, Sierra Leone, Sri Lanka oder Uganda als kleine Soldaten in Kriegen missbraucht werden. Die 1989 von der UN verabschiedete Konvention zu den Rechten des Kindes konnte nicht verhindern, dass mit kleinen Händen weiterhin Profite gemacht werden. Zwei bis drei Millionen Kinder sollen noch heute in den Ziegelbrennereien von Pakistan und Indien arbeiten.

"Das Thema des Buchs ist uferlos", hatte der Autor schon in seinem Vorwort angekündigt. Und verliert sich prompt im weiten Feld von Vermutungen, Gemeinplätzen und Dunkelziffern. Was ein aufrüttelndes Schwarzbuch hätte werden können, wird nur zu einer wenig eindringlichen Aufzählung von Missständen. Ärgerliche Wiederholungen, sogar im selben Kapitel, machen das Weiterlesen zudem zum Geduldsspiel.

Pino Arlacchis Einsatz in der düsteren Thematik allerdings wird deutlich, seine Resignation auch. Strafverfolgung allein, so mahnt der Kämpfer gegen das internationale Verbrechertum, reiche nicht aus. Er fordert Solidarität mit den Betroffenen und konkrete Initiativen zur Unterstützung der Opfer. Dass die Gesellschaft jenen, die an ihrem Rand stehen, Toleranz und Respekt entgegenbringe, sei ein erster, wichtiger Schritt. Ob sich nach der Lektüre dieses Buches mehr Menschen in diesem Sinne engagieren, bleibt fraglich.

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