Politik : Modernität beginnt beim Fundament - Das Ringen um ein neues Familienbild (Kommentar)

Tissy Bruns

Auf Platz 1 ihrer Selbsterneuerungsliste hat die CDU im Frühjahr das Thema Familie gesetzt, in einem anspruchsvollen Kontext: Wir wollen gemeinsam die modernste Gesellschaft Europas schaffen, lautete das Ziel der damals noch frisch gebackenen Oppositionspartei. Recht mutig. Denn es zählt zu den festsitzenden Vorurteilen anderer über die christliche Partei, dass die Kombination von CDU und Familie wenig dazu angetan sei, in die modernste Gesellschaft zu führen.

Gewagt war das Vorhaben aber auch aus der Innensicht der Partei: Denn da gibt es eine Spannung, einen in langen Regierungsjahren überdeckten Widerspruch zwischen konservativen Leitbildern und einem Begriff von Modernität, der eigentlich nur vom Wirtschafts-Standort Deutschland aus definiert worden ist. Der moderne Christdemokrat der letzten Regierungsjahre war neoliberal - folglich war es nicht nur mutig, sondern zwingend, dass der Weg zum neuen Selbstverständnis da beginnen musste, wo Konservative das Fundament der Gesellschaft sehen: bei der Familie.

Die CDU hat sich dabei kräftig in Richtung Mitte bewegt - was am deutlichsten daran zu erkennen ist, dass andere sich gleich mit bewegen. Am Tag des Familien-Parteitags der CDU haben zwei jüngere SPD-Politiker kritische Anmerkungen über die Familienpolitik der eigenen Partei veröffentlicht, die sich der christdemokratischen, zumal auf diesem Themenfeld, bekanntlich haushoch überlegen fühlt.

Die Autoren bescheinigen der CDU, sie schreibe sich mit ihrem Bekenntnis zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf ihre Fahne, was auf der sozialdemokratischen schon längst steht. Sie fügen allerdings die zutreffende Bemerkung an, die SPD empfehle - feministisch inspiriert -, im Konfliktfall doch eher auf die familiäre Fessel zu verzichten. Mehr Wärme, lautet die Forderung der beiden Sozialdemokraten an die eigene Familienpolitik.

Die CDU-Familienpolitiker haben den ihnen längst bekannten Nachholbedarf ihrer Partei gewissermaßen in einen Vorsprung umgemünzt. Denn ihre Sicht ist nunmehr nicht nur realistisch, sie bringt ein differenziertes Verständnis für das Thema Familie auf, das in den Kontroversen um Ehe und nicht-eheliche Lebensformen beinahe untergegangen ist. Die CDU, die jahrelang einfach nicht sehen wollte, dass es Familie auch außerhalb der Ehe gibt, sieht die Dinge nun ganz so, wie sie sind. Sie knüpft ihren Familienbegriff an die dauerhafte Verantwortung von Eltern für Kinder - und von Kindern für Eltern.

Die Ehe bleibt - übrigens in Übereinstimmung mit der freien Entscheidung der meisten Eltern - hervorgehoben. Der Begriff von Ehe und Partnerschaft aber ist neu: Die Union geht davon aus, dass heute die Berufstätigkeit beider Eltern das gewünschte Modell ist. Sie sagt aber auch klar und redlich, wie schwer das zu verwirklichen ist.

Die Bewegung in die Mitte ist deshalb keine bloße Annäherung an das, was ohnehin schon alle denken. Die CDU fügt zum gängigen Verständnis, dass Familie da sei, wo Kinder sind, ausdrücklich hinzu: Familie ist da, wo Verantwortung dauerhaft wahrgenommen wird. Ihr Leitbild will darauf ausdrücklich orientieren. Sie differenziert zwischen dem, was individuelle Entscheidung für eine Lebensform ist, und dem, wofür es gesellschaftliche und staatliche Unterstützung geben muss. Die Diskussion um die gleichgeschlechtlichen Partnerschaften war auf diesem Parteitag weniger Ausdruck von Ressentiments als vielmehr das Bemühen um eine Beschreibung, was wo und wann den angemessenen Platz hat. Und diese Debatte ist beim Thema Familie nicht nur erlaubt, sondern geboten.

Ob sich die CDU gestern der modernsten Gesellschaft Europas angenähert hat, kann dahingestellt bleiben. Es war jedenfalls ein Unterfangen zum Nutzen der Familie. Wann kann man das schon sagen.

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