Mögliche Entführung : Iranischer Atomwissenschaftler flieht aus den USA

Die Odyssee des iranischen Atomwissenschaftlers Shahram Amiri ist vorerst zu Ende. Der angeblich vom CIA entführte Amiri ist in der pakistanischen Botschaft in Washington. Was steckt hinter dem Fall?

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Der Nervenkrieg zwischen dem Iran und den USA rund um den iranischen Atomwissenschaftler Shahram Amiri wurde mit Hilfe von Videos ausgetragen.
Der Nervenkrieg zwischen dem Iran und den USA rund um den iranischen Atomwissenschaftler Shahram Amiri wurde mit Hilfe von Videos...Foto: AFP

Auf den ersten Blick hat der Agententhriller alle Zugaben des Kalten Krieges. Mysteriöse Botschaften, eine Entführung um die halbe Welt, der Verrat hochgeheimer Atomwaffendetails, am Ende eine dramatische Flucht aus den Klauen des Feindes. Seit Montagabend nun ist die dubiose Odyssee des iranischen Atomwissenschaftlers Shahram Amiri erst einmal zu Ende. Nach Angaben aus Teheran hält er sich seither in der pakistanischen Botschaft in Washington D.C. auf, die seit dem Abbruch der Beziehungen zwischen beiden Staaten die Islamische Republik in den USA vertritt. „So Gott will, werde ich in den nächsten Tagen in mein geliebtes Land, den Iran, zurückkehren“, ließ er seine Familie wissen und titulierte die USA als „eindeutigen Verlierer in dieser Entführungssaga“.

Soviel ist sicher. Am Anfang des Dramas stand im Juni 2009 eine Pilgerfahrt des Rüstungsspezialisten nach Mekka in Saudi-Arabien. Bis dahin hatte der 35-Jährige an der Technischen Universität Malek Ashtar in Teheran gearbeitet, die zum Imperium der Revolutionären Garden gehört. Bereits auf dem Flughafen in Dschidda setzte der saudische Geheimdienst den Wissenschaftler fest, verhörte ihn einige Stunden und informierte die CIA. Zwei Tage später meldete sich der Iraner noch einmal aus Medina bei seiner Ehefrau, auf Monate sein letztes Lebenszeichen. Folgt man seinen Angaben, wurde er danach unter Drogen gesetzt, in ein Flugzeug gezwungen und gegen seinen Willen in die Vereinigten Staaten gebracht. Der US-Fernsehsender ABC dagegen erhüllte im März, der angeblich Entführte sei in Wirklichkeit übergelaufen und arbeite intensiv mit der CIA zusammen – eine Behauptung, die das US-Außenministerium umgehend dementierte.

Drei Monate brauchte die iranische Seite, bis sie zum Gegenangriff überging. Anfang Juni strahlte Teheran ein Videointerview aus, in dem ein Mann mit Kopfhörer beteuerte, er sei vom US-Geheimdienst durch Folter gezwungen worden, sich als Überläufer auszugeben und lebe jetzt in Tuscon in Arizona. Noch am selben Tag tauchte in Youtube ein perfekt produziertes Gegenvideo auf. Diesmal saß der angebliche Amiri in einem dunklen Ledersessel vor einem Globus, neben sich ein Schachspiel, und erklärt, er sei freiwillig in den USA, wolle hier seine Ausbildung fortsetzen und es gehe ihm gut. Drei Wochen später schließlich folgte ein drittes Video, auf dem ein Mann mit gehetzter Stimme mitteilte, er sei „vor wenigen Minuten aus den Händen der Agenten des amerikanischen Geheimdienstes“ entkommen und halte sich jetzt im Virginia auf. Das Video vom freiwilligen Aufenthalt sei eine „komplette Fälschung“.

Experten wie der iranisch-amerikanische Publizist Reza Aslan warnen allerdings davor, den jüngsten Fall lediglich als einen kuriosen Nervenkrieg zwischen dem Iran und den USA abzutun. Seiner Meinung gehört die mögliche Entführung von Shahram Amiri zum CIA-Programm „Brain Drain“, das der US-Geheimdienst seit fünf Jahren unterhält. Ziel ist es, das iranische Atomprogramm zu sabotieren, indem man wichtige Funktionäre und Forscher überzeugt, überzulaufen und ihr Wissen preiszugeben. Der größte Erfolg bisher war die Anwerbung des früheren iranischen Verteidigungsministers Ali-Reza Asgari. Der General der Revolutionären Garden verschwand vor drei Jahren während einer Türkeireise und ist seitdem nicht wieder aufgetaucht. Gerüchte, dass er mittlerweile in den USA lebt, wollen nicht verstummen. Die Enttarnung der zweiten iranischen Urananreicherungsanlage nahe Qom im September 2009 scheint aber auf seine Informationen zurückzugehen. Sie ist in einem Felsen unterhalb einer Kaserne der Revolutionären Garden versteckt.

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