Politik : Mölln war der Anfang

Vor zehn Jahren starben drei Türkinnen durch einen Anschlag – am Samstag flog in Wolfenbüttel ein Brandsatz auf eine Moschee

Suzan Gülfirat

Von Suzan Gülfirat

Die Nacht vom 22. auf den 23. November 1992 bedeutete eine schreckliche Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik. Zum ersten Mal starben Menschen durch einen ausländerfeindlichen Brandanschlag. In der schleswig-holsteinischen Kleinstadt Mölln verbrannten die 51-jährige Bahidi Arslan (51), ihre zehnjährige Enkeltochter Yeliz und die 14-jährige Ayse, die gerade zu Besuch gewesen war. Am Samstag hat man in Berlin und Mölln der Opfer gedacht.

Nach einer Kranzniederlegung an der Neuen Wache in Mitte fand im Roten Rathaus eine Gedenkveranstaltung statt. In Mölln sollte am Abend mit einem Gottesdienst und einem Schweigemarsch an die Anschläge auf die beiden von Türken bewohnten Häuser in der Möllner Altstadt erinnert werden. Bereits am Freitag hatte die schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heidi Simonis dort eine Ausstellung zum Gedenken an die Tat eröffnet.

Zu der Veranstaltung in Berlin hatte der Türkische Bund Berlin-Brandenburg eingeladen. „Wir wollten, da wo die Politik gemacht wird, ein Zeichen setzen“, begründete Geschäftsführer Kenan Kolat das Engagement in der Hauptstadt. Vertreter des Berliner Senats und der Berliner Gewerkschaften waren der Einladung gefolgt.

Die Ereignisse in Mölln hätten den Anfang einer langen Kette rechtsextremer Angriffe markiert, auf Mölln folgten die Anschläge in Hoyerswerda und Rostock, erinnerte die Berliner Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (PDS) in ihrer Rede. Sie sprach auch das Attentat auf ein Asylbewerberheim im Oktober 1991 im nordrhein-westfälischen Hünxe an, bei dem zwei Mädchen lebensgefährlich verletzt worden waren. Eines der beiden Mädchen, das heute 16 Jahre alt ist, bleibe sein Leben lang verstümmelt. Deshalb sei die Gesellschaft heute noch viel mehr gefordert, Gesicht zu zeigen. Jeder müsse eingreifen, die Deutschen hätten zu lange geschwiegen, betonte die Sozialsenatorin.

Abgeordnetenhauspräsident Walter Momper (SPD) verwies auf das Zusammenleben von Deutschen und Türken in Berlin. Auch wenn das Miteinander der Kulturen eine Bereicherung für die Stadt sei, bewahre eine solche Atmosphäre nicht davor, dass es auch künftig einzelne Ausfälle gegen Ausländer geben könne. Es dürfe aber nicht mehr vorkommen, dass eine kleine Minderheit Extremer ganze Städte in Angst versetzen, sagte Momper.

Am frühen Samstagmorgen hatten Unbekannte einen Brandanschlag auf eine türkische Moschee in Wolfenbüttel verübt. Die Familie, die sich zu dem Zeitpunkt im oberen Stockwerk das Wohn- und Geschäftshauses befunden hatte, wurde nicht verletzt, es entstand nur geringer Sachschaden. Die Brandsätze waren an den verstärkten Scheiben und der Fassade abgeprallt. Einen Zusammenhang mit dem zehnten Jahrestag des Anschlags von Mölln sah die Polizei zunächst nicht. Allerdings wurde der Staatsschutz in die Ermittlungen eingeschaltet, weil der Anschlag möglicherweise der rechtsextremen Szene zugerechnet werden müsse, sagte der Polizeisprecher.

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