Mohammed-Karikaturen : "Ja, ich würde es wieder machen"

Gespräch mit Kurt Westergaard und Flemming Rose zu den Konsequenzen der Mohammed-Karikatur.

Mohammed
Karikatur: Westergaard

Herr Westergaard, Herr Rose, wie geht es Ihnen?



WESTERGAARD: Sehr gut, obwohl ich mich zum Beispiel immer noch verstecken muss. Aber ich lasse mich nicht einschüchtern. Ich fahre jeden Tag in die Redaktion von "Jyllands-Posten". Routine hilft. Jedenfalls mir und meiner Frau. Wir versuchen so normal wie möglich zu leben.

Das klingt absurd. Zieht man die Situation in Betracht, in der Sie leben.

WESTERGAARD: Ja, es ist absurd. Für mich ist es absurd, in meinem eigenen Land auf der Flucht zu sein. Das macht mich sehr wütend. Aber vielleicht profitiere ich sogar ein wenig von der Situation: Weil Wut ein positives Gefühl ist, wenn man bedroht wird.

Worauf sind Sie besonders wütend?

WESTERGAARD: Ich bin wütend darüber, bedroht zu werden. Und das nur deshalb, weil ich meine Arbeit gemacht habe. Ich bin Zeichner. Und kein Verbrecher.

Herr Rose, sind Sie auch auf der Flucht?

ROSE: Meine Lage ist eine ganz andere. Ich habe zwar auch Drohungen bekommen, aber mein Leben hat sich nicht annähernd so verändert wie das von Kurt. Wie oft bist du in den letzten beiden Jahren umgezogen, Kurt?

WESTERGAARD: Vorgestern war es das achte Mal.

ROSE: Das ist doch Wahnsinn, oder? Ich hatte das Glück, bereits im Herbst 2005, bevor dann die Bombe explodierte, wenn ich das so sagen darf, ein Treffen mit der dänischen Polizei gehabt zu haben. Die Polizei hat mir dazu geraten, meinen Namen aus allen öffentlich zugänglichen Quellen entfernen zu lassen. Das habe ich dann auch getan. Das hatte allerdings zur Folge, dass alle, die heißen wie ich, bedroht wurden. Einer der Flemming Roses, die es in Dänemark gibt, musste sogar seinen Namen ändern lassen, weil er bedroht wurde.

Können Sie uns erklären, warum das alles ausgerechnet in Dänemark, dem friedlichsten und glücklichsten Land der Welt, passieren musste?

ROSE: Tragödie oder Komödie, das ist die Frage. Ich habe mit einem Hollywoodautor gesprochen, der den Stoff sehr spannend findet. Ich habe ihm gesagt: Es muss eine Komödie werden. Eine Komödie deshalb, weil es in Komödien um Missverständnisse geht. Und hier geht es um ein großes Missverständnis.

WESTERGAARD: Es musste passieren. Die Zeit war reif dafür in Dänemark. Der äußere Anlass der Auseinandersetzungen waren zwar die zwölf Zeichnungen, es hätte aber auch ein Roman oder ein Film sein können. Der Konflikt war schon länger da. Der Karikaturenstreit hat ihn ausbrechen lassen und damit öffentlich gemacht.

ROSE: Es war vielleicht ein Zufall, dass es ausgerechnet in Dänemark passierte. Aber es war kein Zufall, dass es überhaupt passierte. Seit 2000 gab es in Europa im Zusammenhang mit dem Islam dutzende Fälle von Selbstzensur oder von Drohungen. Die Tate Gallery in London nahm ein Bild von der Wand, das auf Islamisten hätte anstößig wirken können. Hätte. In Göteborg in Schweden wurde ein Bild einer algerischen Künstlerin abgehängt, das zwei Erwachsene beim Sex zeigt. Zu dem Bild gehörte ein Zitat aus dem Koran. Das Museum hängte das Bild nach Einwänden aus muslimischen Kreisen ab, ohne auch nur mit der Künstlerin gesprochen zu haben. Was sagt uns das alles? Dass wir es hier mit einem globalen Problem zu tun haben, nicht mit einem dänischen..

Die Karikaturen gingen um die Welt.

ROSE: Ja, aber sie wurden nicht für die Welt publiziert. Sondern für die Leser von "Jyllands-Posten". Sie wurden missbraucht. Es wurden systematisch Falschinformationen gestreut. Die meisten Menschen im Mittleren Osten glauben heute, ich sei ein ukrainischer Jude, der nichts als das Böse will.

Als der Karikaturenstreit explodierte, passierte das zum bestmöglichen oder zum schlechtestmöglichen Zeitpunkt?

ROSE: Das kann ich nicht sagen. In jedem Fall bedauere ich zutiefst, dass so viele Menschen sterben mussten. Keine Karikatur ist ein Menschenleben wert, keine. Aber wenn Menschen mich fragen, auch hier in Dänemark, ob ich mich schuldig fühle, dann kann ich sagen: nein. Es gab da andere Kräfte, starke Kräfte, mit anderen Interessen, mit denen weder Kurt noch ich etwas zu tun hatten. Aber das heißt nicht, dass wir keine Verantwortung übernehmen würden. Wir haben die Zeichnungen veröffentlicht, und dazu stehen wir ohne Wenn und Aber.

WESTERGAARD: Die Demonstrationen, die es damals gab, wurden von autoritären Regimen organisiert. Das waren doch keine freien Meinungsäußerungen. Das diente einem ganz bestimmten Zweck.

ROSE: Die Frage ist, was das alles mit uns zu tun hat. Es geht um das Recht auf freie Meinungsäußerung. Wenn wir nach der Methode verfahren würden, wenn ich dein Tabu akzeptiere, akzeptierst du meins, dann wäre das das Ende der Meinungsfreiheit. Wir müssen anerkennen, dass wir in einer globalisierten Welt leben. Und es kann nur darum gehen, so viele der Barrieren wie möglich, die die Meinungsfreiheit behindern, aus dem Weg zu räumen.

Keine Karikatur ist es wert, dass ihretwegen auch nur ein Mensch sterben muss. Können Sie uns sagen, Herr Westergaard, was eine Karikatur wert ist?

WESTERGAARD: Eine Karikatur ist immer eine Antwort auf eine Provokation. Satire ohne Provokation ist undenkbar. Wenn eine Karikatur es schafft, Aufmerksamkeit auf ein Problem zu lenken, das vorher nicht so deutlich zu sehen war, dann war sie es wert, veröffentlicht zu werden. Meine Karikatur hat den Schleier der Political Correctness in Dänemark zerrissen, der bis dahin über allem lag, was mit dem Islam zu tun hat. Wenn sie einen Wert hat, dann diesen.

ROSE: Das einzige Recht, das es in Demokratien nicht gibt, ist das Recht, nicht angegriffen zu werden. Jeder muss sich stellen. Und bitte vergessen Sie nicht: Es existiert ein fundamentaler Unterschied zwischen Taten und Worten. Es ist zwar populär geworden zu sagen, Worte wären wie Taten. Das aber ist nicht wahr. Worte töten nicht.

Herr Westergaard, wo befindet sie sich eigentlich jetzt, Ihre berühmte Zeichnung?

WESTERGAARD: In einem Bankschließfach. Es gab auch schon ein paar Kaufangebote. Ein Amerikaner hat mir 5000 Dollar geboten. Wir haben dann ein bisschen recherchiert, von wem das Angebot kam. Dabei kam heraus, dass es sich um einen zu zweimal lebenslänglich Verurteilten aus den USA handelte, der vor dreißig Jahren ein Flugzeug entführte hatte: der berühmteste Hijacker Amerikas. Wir haben uns allerdings gefragt, wo der Mann so viel Geld her hat.

Herr Rose, was sind Sie heute: immer noch einfach nur ein Journalist oder doch schon ein Freiheitskämpfer?

ROSE: Ich sehe mich immer noch als gewöhnlichen Journalisten. Die Zeitung "Politiken", die in Kopenhagen erscheint, hat über mich geschrieben, ich zählte zu der Art von Menschen, die Kriege beginnen könnten. Ich sehe mich nicht so. Was viele an mir irritierend finden, ist, dass ich versuche, meinen Prinzipien treu zu bleiben. Die Frage ist: Kann es, wenn es um Menschenrechte geht, zwei Standards geben? Ich sage: nein. Ich glaube an universell gültige Standards.

Sie sind ein universeller Hardliner.

ROSE: Ich bin kein Hardliner. Aber es macht mich hellhörig, wenn über Dissidenten in der muslimischen Welt gesagt wird, niemand würde sich für sie interessieren, niemand nehme sie ernst. Wir erleben jeden Tag eine Karikaturenkrise. Wir müssen nur genauer hinsehen. Die Karikaturen wurden Ende 2005 veröffentlicht. Jetzt haben wir 2008. Was haben Sie erreicht?

ROSE: Der Karikaturenstreit hat keine neuen Realitäten geschaffen. Er hat uns gezeigt, was unter der Oberfläche gärte. Journalismus hat die Aufgabe, das auf den ersten Blick Unsichtbare sichtbar zu machen. So gesehen war die Veröffentlichung der Karikaturen nichts als klassischer Journalismus.

Würden Sie es wieder machen?

WESTERGAARD: Ja, sicher. Ob alle meine Kollegen auch dieser Meinung sind, kann ich nicht sagen. Einige sind von den Reaktionen so sehr getroffen, dass es sie bis heute verfolgt.

ROSE: Ich möchte mit einem Missverständnis aufräumen: Es geht nicht um "Wir oder sie". Es geht im Grunde um uns. Um Zivilcourage. Wir müssen die Courage haben, uns um unsere eigenen Angelegenheiten zu kümmern und die Probleme anzusprechen.

WESTERGAARD: Auch wenn meine Frau und ich seit der Veröffentlichung der Zeichnungen einige Unannehmlichkeiten erleben mussten: Kann einem Zeichner etwas Besseres passieren, als mit einer seiner Zeichnungen weltberühmt zu werden? Davon träumen wir doch alle.


Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

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