Politik : Mohikaner unter sich - die Grünen verlieren Bündnis 90, die FDP den letzten Bonus

Matthias Meisner

Joschka Fischer schwant schon lange, dass mit seiner Partei im Osten kein Sonnenblumentopf zu gewinnen ist. "Euer Luther hätte mit Eurer Methode nichts erreicht", ermahnte er, im Herbst 1998 am Rande des Bundestagswahlkampfes, den thüringischen Grünen-Chef Olaf Möller. Die Parteifreunde in den neuen Ländern müssten die Sache schon selbst in die Hand nehmen.

Niemand bestreitet mehr, dass im Osten absehbar nur SPD, CDU und PDS das Sagen haben werden. Der thüringische FDP-Chef Heinrich Arens, der jetzt zur Wahl der CDU aufrief, sagt im Prinzip nichts anderes. Aus dieser Sicht ist es nur logisch, dass sich der viel beschäftigte grüne Außenminister - anders übrigens als der viel beschäftigte Bundeskanzler - im Landtagswahlkampf kaum blicken ließ. Warum sich Niederlagen ans Bein binden, die absehbar sind?

Das vorerst letzte Kapitel der Geschichte von FDP und Grünen im Osten kann geschrieben werden, bevor an diesem Sonntag in Thüringen und am kommenden Sonntag in Sachsen die Wahllokale schließen: Zu deutlich verweisen die Umfragen in beiden Ländern die beiden Parteien auf unter fünf Prozent. Garantiert bis 2002 haben Grüne und FDP dann in Neufünfland keine Bedeutung mehr - neue Landtagswahlen dann werden die Lage kaum verändern. Verschärfend kommt hinzu, dass auf Bundesebene bald kein ostdeutsches Gesicht mehr mit den Grünen oder der FDP verbunden wird. Bundessprecherin Gunda Röstel, grüne Spitzenkandidatin in Sachsen, ist die letzte Mohikanerin. Kurioserweise glaubt ein Teil der Wählerschaft in Sachsen mittlerweile, die aus dem Fernsehen bekannte Frau sei eine West-Politikerin. Ein Einbruch der Grünen bei der Sachsen-Wahl wäre für viele realpolitische Parteifreunde ein willkommener Anlass, die Debatte über die machtlose Doppelspitze der Grünen im Bund neu zu eröffnen. Röstels große Chance ist, wieder Sonderschullehrerin in Flöha zu werden.

Ein anderer wichtiger Ost-Grüner, Werner Schulz aus Leipzig, hat schon im vergangenen Herbst Federn lassen müssen. Der wortgewaltige Bürgerrechtler unterlag im Kampf um den Fraktionsvorsitz gegen Fischer-Intimus Rezzo Schlauch aus Baden-Württemberg. In der neuen Fraktion ist er kaltgestellt. Vergessen ist, wie eine Gruppe von Bündnis 90-Politikern um Schulz vier Jahre lang das grüne Fähnchen in Bonn hochhielt, nachdem die West-Partei 1990 den Einzug in den Bundestag verpasst hatte. Auch die von der FDP als Vorfrau aufgebaute Cornelia Pieper aus Sachsen-Anhalt ist wieder in der Versenkung verschwunden.

Die Gründe für den Niedergang der beiden Parteien sind vielfältig. Die Landesverbände sind schwach und zudem oft zerstritten. Bei den Grünen kostet noch immer der angepeilte Benzinpreis von fünf Mark Stimmen, das schlechte Bild der rot-grünen Bundesregierung hat die Lage verschärft.

Die FDP ist das Image der Partei der Besserverdienenden nie mehr losgeworden, der Bonus des Hallensers Hans-Dietrich Genscher zählt schon lange nicht mehr. Am Ende stehen zwei West-Parteien, die beide nie recht akzeptieren wollten, dass sich Gesamtdeutschland vom Osten her ändern könnte.

Zwei West-Parteien pur - längst nicht alle Folgen dieser Entwicklung sind analysiert: Stärkt das die PDS noch weiter, steigt im Osten der Polit-Frust? Natürlich greift die Kamikaze-Reaktion des thüringischen FDP-Vorsitzenden viel zu kurz. Eine Debatte zur Ost-Strategie ist für alle Parteien fällig. Vorerst muss Bündnis 90/Die Grünen konsequent sein, den ostdeutschen Vorsatz des Parteinamens streichen. Sollten die Grünen irgendwann im kommenden Jahrtausend in den neuen Ländern wieder Boden unter die Füße bekommen, hat das mit den Wurzeln der Partei im Osten nichts mehr zu tun.

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