Mon Berlin : So schnell hat man sein Leben ausgelutscht

Geben Sie es zu: Hinter einem das feuchte und regelmäßige Schnalzen der Zunge gegen den Gaumen - und man springt auf, dreht sich um und stößt zu!

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Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues liest und diskutiert im Tagesspiegel-Salon.
Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues.Foto: Thilo Rückeis

Wer hat noch nie Mordlust verspürt? Den Wunsch, aufzuspringen, sich mit einem Ruck umzudrehen, zum Sprung anzusetzen und peng, zuzustoßen, aber wie! Aber wie! Ein Messerstich direkt ins Herz der Zuhörerin in der Reihe hinter der eigenen. Das Blut strömt. Der Körper sackt zusammen. Sofort empfinden Sie Erleichterung. Nein, nein, rollen Sie jetzt nicht mit den Augen! Spielen Sie nicht die empörte Unschuld! Verstecken Sie Ihre niederen Instinkte doch nicht hinter dem Panzer der moralischen Entrüstung! Schwören Sie bloß nicht, dass Sie sich jedenfalls niemals, aber auch absolut niemals, einer solchen enthemmten Aggression schuldig machen würden! Ich würde Ihnen sowieso nicht glauben: In jedem von uns schlummert ein Mörder.

Die Husterin will es gut machen, sie strengt sich an, sie bemüht sich

Stellen Sie sich die Szene vor, und ganz bestimmt sehen auch Sie rot. Sie spielt sich im Konzert ab. Sie sind gefangen, verzaubert, Sie schweben in einer Welt aus Klängen und Träumen. Ihre Augen hängen am Orchester. Der Geist ist fern, weit weg von dem vollen Saal. Und plötzlich macht sich direkt hinter Ihnen eine Dissonanz bemerkbar. Zunächst kaum wahrzunehmen, schwillt sie an und zerrt Sie allmählich aus Ihrer ekstatischen Benommenheit. Was passiert 30 Zentimeter hinter Ihrem Ohr? Die Dame hinter Ihnen hat einen Frosch im Hals. Mit seiner klebrigen Haut kitzelt er ihre Kehle. Die Dame möchte sich nicht räuspern, sie unterdrückt einen Hustenanfall, läuft rot an, ihre Augen füllen sich mit Tränen, sie windet sich. Am liebsten würde sie sich in ein Mauseloch verkriechen. Und in der Hoffnung auf eine schnelle Erlösung zieht sie aus ihrer Handtasche (klackklack macht die Tasche, als die Dame sie öffnet und schließt) ein Hustenbonbon. Balsam mit Eukalyptusöl, das ihre Kehle befeuchten und den Hustenreiz beseitigen soll.
Nur leider – zuerst muss die Dame das Bonbon aus seiner Verpackung ziehen, und das, das macht Krach. Aber statt das Ganze mit zwei schnellen Griffen zu erledigen, zögert sie, weil sie eine Störung befürchtet. Umso mehr stört sie! Vorsichtig entkleidet sie das Bonbon, ein endloser Striptease in Zeitlupe. Das Papier knistert und knistert und knistert. Nichts anderes ist mehr zu hören. Ein Akkord im Piano. Es knistert. Ein Klarinettensolo. Es knistert. Ein Geigenbogen schrappt über Ihre Nerven. Man müsste das Papier einfach abreißen wie das Pflaster von einer Wunde. Ein kräftiger Ruck, und die Ohrenqual ist vorbei. Aber nein, die Husterin will es gut machen, sie strengt sich an, sie bemüht sich, keinen Lärm zu machen und verlängert damit Ihre Pein.

Thomas Quasthoff verließ die Bühne

Und so erhebt sich die Mordgier. Man würde sich gern umdrehen, der Husterin das Bonbon aus der Hand reißen, es auswickeln, das Papier unter den Sitz werfen, ihr das Bonbon in den Mund stopfen und sich wieder von der Musik davontragen lassen. Schließlich ist man nicht hergekommen, um das Geräusch von raschelndem Papier zu hören. Ich bin nicht allein damit, das beruhigt mich. Ich erinnere mich an einen Liederabend im Winter. Die Philharmonie hatte sich in ein Sanatorium für Lungenkranke verwandelt. Zornig unterbrach Thomas Quasthoff sein Konzert und verließ die Bühne mit den Worten an die Huster im Saal: Das hat Schubert nicht verdient!
Vorige Woche war ich in einem angesagten kleinen Club in Friedrichshain, um die englische Sängerin Ella Eyre zu hören. Zack, sie kommt herein, mit ihrer Löwenmähne und so lauten Bässen, dass die Mägen sich sofort umdrehen und die Ohren dröhnen. Meinetwegen hätte jeder Einzelne der Hunderte von jungen Zuhörern in der Dunkelheit eine Riesentüte Bonbons essen können, das hätte niemandem etwas ausgemacht. Man hätte nichts gehört. Aber die Akustik der Konzertsäle ist zu genau.

Inzwischen hat die Dame ihr Bonbon befreit. Sie steckt es in den Mund. Fertig! Endlich ist die Folter vorbei. Langsam macht sich Entspannung breit. Aber da kommen von hinten Sauggeräusche. Das feuchte und regelmäßige Schnalzen der Zunge gegen den Gaumen. Spätestens in diesem Moment springt man auf, dreht sich mit einem Ruck um, setzt zum Sprung an und stößt zu, aber wie! Aber wie!
Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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