Politik : Mord an Hunderten Zivilisten 1944 in Italien bleibt ungesühnt

Andrea Dernbach/Paul Kreiner

Berlin/Rom - Die zehn SS-Leute, die 1944 in Marzabotto bei Bologna Hunderte Zivilisten massakriert haben, werden vermutlich weiter unbestraft bleiben. Das italienische Militärgericht in La Spezia hatte die Männer am Samstag zu lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt. Eine Sprecherin des Bundesjustizministeriums verwies am Montag darauf, eine Auslieferung werde „problematisch“, weil die Urteile in Abwesenheit der Angeklagten ergangen seien. Bisher verbot das Grundgesetz die Auslieferung deutscher Staatsangehöriger; seit der europäische Haftbefehl letztes Jahr in deutsches Recht umgesetzt wurde, ist das anders.

Die Gräueltaten, die in La Spezia verhandelt wurden, ereigneten sich zwischen dem 29. September und dem 5. Oktober 1944. Angeblich zur Verfolgung italienischer Partisanen durchkämmte die Panzergrenadierdivision 16 „Reichsführer SS“ die Gegend. Von ihrem Anführer Walter Reder indes hatte sie Anweisung bekommen, unterschiedslos auf alle Personen zu schießen. So drangen die SS-Leute in Gehöfte, Kindergärten, Schulen, Friedhöfe und Kirchen ein, warfen Handgranaten und feuerten Maschinengewehrsalven auf alles ab, was sich bewegte. Sogar in die Leichenberge schossen sie, wenn sie noch Lebenszeichen wahrzunehmen glaubten.

Auf diese Weise ermordete die SS allein im Ort Marzabotto mehr als 800 Menschen, in der näheren Umgebung weitere tausend – fast ausschließlich Zivilisten, unter ihnen etwa zweihundert Kinder, die jüngsten erst wenige Tage alt. Während der letzten beiden Kriegsjahre töteten deutsche Soldaten insgesamt 10 000 italienische Zivilisten.

SS-Mann Walter Reder selbst, ein Österreicher, wurde 1951 zu lebenslanger Haft verurteilt, 1985 indes begnadigt. Die umfassende Aufarbeitung der Verbrechen begann jedoch erst nach 1994, als beim Militärtribunal in Rom ein verschlossener Schrank mit den zeitgenössischen Ermittlungs- und Prozessakten gefunden wurde. Die Regierung in Rom hatte es seinerzeit, zusammen mit den Alliierten, nicht für opportun befunden, die deutschen Kriegsverbrecher zu verfolgen. Auch in Deutschland blieben die SS-Schergen bis heute unbehelligt. Johannes Rau hatte 2002 als erster Bundespräsident Marzabotto besucht.

Die jetzt Verurteilten sind nach Angaben des Gerichts: Paul Albers (88), Josef Baumann (82), Hubert Bichler (87), Max Roithmeier (85), Max Schneider (81), Heinz Fritz Traeger (84), Georg Wache (86), Helmut Wulf (84), Adolf Schneider (87), Kurt Spieler (81).

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