Mord in Dubai : Die Handschrift des Mossad

Viel spricht dafür, dass der israelische Geheimdienst Mossad hinter der Tötung eines ranghohen Hamas-Funktionärs steckt. Die Aktion hat verheerende diplomatische Folgen.

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Mahmud al Mabhuh, einer der wichtigsten Kommandanten des militärischen Flügels der radikalislamischen Hamas, ist tot. Zu Tode gefoltert und liquidiert am 20. Januar im Hotel Bustan Rotana in Dubai. Ein elfköpfiges Kommmando, zehn Männer und eine Frau, wird von der örtlichen Polizei für die Tat verantwortlich gemacht und gesucht.

Soweit die harten Fakten. Darüber hinaus wuchert ein Labyrinth von Rätseln, Gerüchten und Mutmaßungen über Herkunft und wahre Identität der Täter. Deren professionelles Vorgehen lenkte nicht nur bei ausländischen Experten den Verdacht auf den israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad. Natürlich schweigt Jerusalem zu diesen Verdächtigungen. Doch die israelischen Medien neigen mehrheitlich dazu, den Mossad verantwortlich zu machen.

Bei der Hamas wechselten die Theorien, wer ihren Kommandanten getötet haben könnte, fast täglich. Dabei richteten sich die Beschuldigungen im Wesentlichen stets gegen den Mossad. Am Mittwoch wurde in Gaza die Behauptung, die Palästinenserbehörde unter Präsident Mahmud Abbas stecke hinter dem Attentat, zurückgenommen. Man wolle die amtlichen Auswertungen durch die Behörden in Dubai abwarten, hieß es vor der großen abendlichen Gedenkkundgebung für Mabhuh.

Noch vor zwei Tagen hatten Antiterrorexperten in aller Welt die Polizei in Dubai wegen ihrer vermeintlich wirksamen Arbeit mit Lob überschüttet. Die Polizei hatte dank unzähliger Überwachungskameras am Flughafen und im Hotel alle mutmaßlichen Täter sowie ihr Opfer per Video erfasst und konnte sie schließlich alle namentlich identifizieren und mithilfe von Passfotos international ausschreiben: Sechs Briten, drei Iren sowie je ein Deutscher und ein Franzose.

Doch inzwischen haben das britische Außenministerium, die Regierung in Dublin und sieben in Israel lebende Bürger mit doppelter Staatsbürgerschaft glaubhaft erklärt, die in den Vereinigten Arabischen Emiraten zur Identifizierung dienenden britischen Pässe seien gefälscht. Teilweise handle es sich zwar tatsächlich um echte Pässe, mit echten Namen, Geburtsdaten und Passnummern, aber mit ausgewechselten Fotos und gefälschten Unterschriften. Darüber hinaus sind laut irischem Außenministerium alle drei irischen Pässe komplett gefälscht.

Die sieben Israelis sind verwirrt, verunsichert und wütend: „Man hat uns zu gesuchten Personen gemacht.“ Dabei haben sie zum Teil Israel seit Jahren nicht verlassen – und wenn doch, dann war Dubai nicht das Reiseziel: „Ich habe meinen Pass, und er hat keinen Dubai-Stempel, weil ich nie dort war“, so der vor neun Jahren aus England eingewanderte Melvin Adam Mildiner.

Eigentlich spricht die Tatsache, dass zumindest die sieben nicht nur Bürger Großbritanniens sind, sondern auch Israeli und im jüdischen Staat leben, gegen die These, dass der Mossad in Dubai zugeschlagen hat. So amateurhaft können die früher weltweit gefürchteten eigenen Geheimdienstler nicht sein, meinen einige Experten. Doch die Mehrheit der Fachleute weist auf unübersehbare Parallelen zu früheren fehlgeschlagenen Anschlägen hin, wie dem missglückten Attentat 1997 in Amman auf Khaled Mashaal, den mächtigen Politbürochef der Hamas. Damals bedienten sich die Mossad-Agenten kanadischer Pässe, 2005 versuchten deren Kollegen sich in Neuseeland örtliche Pässe zu verschaffen. In beiden Fällen wurden die Agenten geschnappt und waren geständig.

Nicht nur für den Sicherheitsexperten der angesehenen Tageszeitung „Haaretz“, Amir Oren, ist klar, dass auch diesmal wieder nach dem gleichen Schema vorgegangen wurde – mit durchschlagendem Erfolg bei der eigentlichen Aktion, aber mit sich abzeichnenden verheerenden diplomatischen und politischen Folgen. Deshalb fordert er, dass der erst vor wenigen Wochen bei der außerordentlichen Verlängerung seiner Amtszeit von den Politikern in höchsten Tönen gelobte Mossad-Boss die Konsequenzen zu tragen habe. Meir Dagan, Generalmajor der Reserve, müsse gehen und in den überfälligen, wohlverdienten Ruhestand treten, verlangt Oren.

Deutsche Sicherheitskreise halten es indes für wahrscheinlich, dass der Mossad das Attentat auf al Mabhuh verübt hat. Gewissheit gebe es aber noch nicht, da Israel auf Anfragen aus Berlin bislang keine Antwort gegeben habe, hieß es am Mittwoch. Klar sei allerdings, dass die Amerikaner mit der Aktion nichts zu tun hätten. Vermutlich habe der Mossad den Anschlag auch alleine verübt, denkbar sei höchstens eine „untergeordnete logistische Hilfe“ durch einen anderen Geheimdienst, beispielsweise einen aus Jordanien.

Durch die Tötung des Hamas-Funktionärs könnte die Sicherheitslage in der Bundesrepublik beeinflusst werden, hieß es in den Sicherheitskreisen weiter. Drohungen gegen israelische Einrichtungen und Demonstrationen von Hamas-Sympathisanten sind den Angaben zufolge nicht auszuschließen. Es sei allerdings nicht zu erwarten, dass die Hamas Deutschland für das Attentat mitverantwortlich macht, auch wenn Mitglieder des mutmaßlich israelischen Hit-Teams aus der Bundesrepublik nach Dubai gereist sein sollen.

Im Fall des vermeintlichen Täters mit einem deutschen Pass, mit dessen Identität sich die Täter getarnt hatten, handelt es sich in Wirklichkeit um einen streng religiösen amerikanischen Juden. Michael Bodenheimer lebt israelischen Medienberichten zufolge in Bnei Brak, einem Vorort von Tel Aviv, und besucht dort eine Religionsschule. Bodenheimers Familie gab an, mit Politik nichts zu tun zu haben.

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