Mord in Grosny : Klima der Angst in Tschetschenien

Nach dem Mord an der Leiterin einer Kinderhilfsorganisation und ihrem Mann in Tschetschenien forder Steinmeier rasche Aufklärung.

Claudia von Salzen

Berlin Die beiden Leichen lagen im Kofferraum eines Autos in der Nähe von Grosny. Die tschetschenische Menschenrechtlerin Sarema Sadulajewa und ihr Mann Alik Dschabrailow waren offenbar durch Schusswunden in Kopf und Brust gestorben. Der Fall hat erschreckende Ähnlichkeit mit der Ermordung der russischen Bürgerrechtlerin Natalia Estemirowa: Vor nur vier Wochen war die Mitarbeiterin der russsichen Menschenrechtsorganisation Memorial in Grosny entführt und später im benachbarten Inguschetien ermordet aufgefunden.

Am Montag hatten fünf Männer Sadulajewa und ihren Mann vor dem Büro ihrer Hilfsorganisation entführt. Augenzeugen berichteten allerdings später, dass das Ehepaar ohne Gewaltanwendung ins Auto gestiegen sei. Drei der Entführer sollen militärische Kleidung getragen haben. Sadulajewa engagierte sich mit ihrer humanitären Organisation Spasjom pokolenie („Retten wir die Generation“) seit 15 Jahren für Kinder und Jugendliche, die Opfer von Krieg und Gewalt in der russischen Kaukasusrepublik geworden waren. Sie kümmerte sich um deren medizinische Behandlung und bemühte sich darum, von Minen oder im Krieg verstümmelte Kinder mit Prothesen zu versorgen. Dabei arbeitete Sadulajewa sowohl mit dem Kinderhilfswerk Unicef als auch mit deutschen Ärzten zusammen.

Nach dem jüngsten Mord fürchten tschetschenische Menschenrechtler nun um ihre Sicherheit. Sie fühlten sich „einer zunehmenden Willkür ausgesetzt“, erklärte Sainap Gaschajewa, Vorsitzende der tschetschenischen Frauenorganisation Echo des Krieges. Zur Arbeit der Ermordeten sagte sie, das Thema der Kriegsinvalidität werde in Tschetschenien weitgehend verschwiegen, weil der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow den Eindruck eines prosperierenden Landes vermitteln wolle. Kadyrow wies am Dienstag Vorwürfe zurück, er sei in das Verbrechen verwickelt. Bürgerrechtler werfen ihm vor, in Tschetschenien eine Schreckensherrschaft aufgebaut zu haben und zahlreiche Menschenrechtsverlertungen begangen zu haben. Memorial-Chef Oleg Orlow machte Kadyrow auch für den Mord an Estemirowa verantwortlich.

Der russische Präsident Dmitri Medwedew reagierte mit Bestürzung auf den Doppelmord und forderte eine Aufklärung des „scheußlichen Verbrechens“. Der Präsident beauftragte die Generalstaatsanwaltschaft, das Innenministerium und den Geheimdienst mit den Ermittlungen. Der deutsche Außenminister Frank- Walter Steinmeier (SPD) erklärte am Dienstag, er „verurteile die Tat auf das Schärfste“. Die Hintergründe müssten nun rasch aufgeklärt und Täter und Drahtzieher zur Rechenschaft gezogen werden, mahnte Steinmeier. Sein französischer Amtskollege Bernard Kouchner sprach von einer „systematischen Verfolgung“ tschetschenischer Menschenrechtler.

Im an Tschetschenien grenzenden Dagestan wurde am Dienstag ein Journalist ermordet aufgefunden. Der für die Zeitung „Chakikat“ arbeitende Malik Achmedilow sei in einem Dorf nahe der Hauptstadt Machatschkala mit Schusswunden im Bauch in einem Auto entdeckt worden, teilte das Innenministerium von Dagestan am Dienstag mit. mit AFP/dpa

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