Politik : Mord in Serie

Neun Tote: Ein Beamter des hessischen Verfassungsschutzes unter Verdacht, der Innenminister unter Druck

Christoph Schmidt-Lunau[Wiesbaden]

Es ist die größte Mordserie der bundesdeutschen Kriminalgeschichte. Das Motiv bleibt im Dunkeln. Der Mörder sucht ausländische Geschäftsleute im gesamten Bundesgebiet heim, meistens Türken. Neun Männer hat er in sechs Jahren bereits erschossen. Jetzt ist ausgerechnet ein Beamter des hessischen Verfassungsschutzes unter Verdacht geraten, für die Mordserie verantwortlich zu sein. Der Beamte ist inzwischen vom Dienst suspendiert, jedoch nicht Haft.

Diese Nachricht schlug am Freitag in Wiesbaden wie eine Bombe ein. Empört griff die Opposition den hessischen Innenminister Volker Bouffier (CDU) an, weil auch die Abgeordneten aus den Medien von dem Verdacht erfahren mussten.

Am 5. Mai war die Parlamentarische Kontrollkommission zuletzt zusammenkommen. Bereits am 21. April, zwei Wochen vor dieser Sitzung, war der Beamte unter Mordverdacht festgenommen worden. Im zuständigen Gremium hätten die Verantwortlichen jedoch kein Wort über den Vorgang verloren, kritisierten die drei Oppositionsparteien. „Was soll dieses Kontrollgremium, in dem die Regierung vertraulich informieren kann, wenn Innenminister und Verfassungsschutzdirektor über solche ungeheuren Vorgänge nicht berichten“, sagte Grünen-Fraktionschef Tarek Al Wazir dem Tagesspiegel. Der Vorsitzende des Gremiums, der SPD-Abgeordnete Günter Rudolph, verlangte umgehend eine Sondersitzung des Innenausschusses, FDP-Fraktionschef Jörg-Uwe Hahn sprach von einer unerträglichen Kommunikationspolitik des Innenministeriums.

Noch hoffen alle, dass sich der schwerwiegende Verdacht gegen den Landesbeamten nicht erhärtet. Er war am 6. April am vorerst letzten Tatort der Mordserie aufgefallen; mit einer Plastiktüte habe er das Internet-Cafe in der Kasseler Innenstadt aufgesucht, berichteten Zeugen. Dort war der Besitzer Halit Y. (21) ebenso erschossen worden wie zuvor acht andere Männer, aus einer Waffe, die in einer Plastiktüte verborgen war. So sichert der Serienmörder die Patronenhülsen. Trotz öffentlicher Aufrufe hatte sich der Beamte nicht als Zeuge bei der Polizei gemeldet und geriet deshalb selbst unter Verdacht. Bei der ausführlichen Vernehmung und bei der Wohnungsdurchsuchung konnten allerdings keine eindeutigen Beweise gefunden werden, deshalb bleibt der Beamte auf freiem Fuß. Formell gelte er jedoch nach wie vor als Beschuldigter, erklärte die Staatsanwaltschaft.

Für Innenminister Bouffier ist der Fall vorläufiger Endpunkt einer unerfreulichen Serie. Im Polizeipräsidium Frankfurt waren Personenschützer aufgeflogen, weil sie bei der Überstundenabrechnung geschummelt hatten. Ein Polizeimitarbeiter musste gehen, weil er einem Bekannten eine geplante Razzia im Frankfurter Bahnhofsviertel gesteckt hatte. Ein Mitarbeiter des Landeskriminalamts steht im Verdacht, Ermittlungsergebnisse an eine Illustrierte verkauft zu haben.

Ein ehemaliger Hauptsachbearbeiter des Technikpräsidiums der Polizei sitzt in Haft, weil er bei dem Einkauf von Handys und dem Abschluss von Mobilfunkverträgen mindestens 500 000 Euro in die eigene Tasche gewirtschaftet hatte. Seit Monaten läuft eine parlamentarische Untersuchung, weshalb die Dienstaufsicht jahrelang alle Verdachtsmomente gegen diesen Mitarbeiter übersehen konnte. Vielleicht kommen neue Aufgaben auf den Untersuchungsausschuss zu.

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