Politik : Mord, Macht und Moral Von Gerd Appenzeller

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Eine „heroische Operation gegen ein Nest der Korruption und Prostitution“ war es also diesmal, ein Schlag gegen ein „Kollaborationsregime“ des Landes der „Ungläubigen und Unzüchtigen“. So nennen die mutmaßlichen Hintermänner der Anschläge auf der Halbinsel Sinai ihre Mordtaten. Die Selbstgerechtigkeit, mit der islamistische Attentäter rund um den Erdball immer wieder ihre Mordspur moralisch und religiös zu er und verklären suchen, macht ihre Taten nicht weniger monströs. Aber diese Allmachtfantasien beleuchten immerhin geistige Triebkräfte und den physischen Vernichtungswillen, die hinter den Bombenanschlägen und verbrecherischen Angriffen auf menschliches Leben stecken.

Gestern waren es die mit Sprengstoff beladenen Selbstmörderfahrzeuge auf der Halbinsel Sinai und fast zur gleichen Zeit die Raketenattacke auf das Botschaftsviertel von Kabul. In den Jahren davor die Zerstörung zweier US-amerikanischer diplomatischer Missionen in Afrika, die Sprengung eines vorwiegend von Israelis besuchten Badehotels in Kenia, das Blutbad unter einer Reisegruppe im ägyptischen Luxor und dann die jegliches Vorstellungsvermögen sprengende Vernichtung des World Trade Center in New York, in dessen Trümmern fast 3000 Menschen starben. Dem amerikanischen und zionistischen Satan und all jenen, die mit ihm paktieren, gilt die Gewalt – so predigen es die weltlichen und geistlichen Propagandisten des Islamismus. In einer Welt, deren westlich beeinflusster Fortschrittsglaube und Forschergeist ungeachtet allen Elends auf dem Erdball dem islamistischen Rückwärtsgewandtsein immer mehr davoneilen, haben die Verschwörungstheorien des radikalisierten Teils vor allem der arabischen Völker etwas Mittelalterliches an sich. Die Teufel, die dort besiegt werden sollen, haben schon in den Hirnen der Europäer vor einem halben Jahrtausend gespukt, bevor ihnen die Aufklärung den Garaus gemacht hat.

Auf die Aufklärung des 21. Jahrhunderts für den Islam und den vom ihm bestimmten Teil unserer Erde warten nicht nur dessen Intellektuelle und Menschenrechtler, Demokraten und Wissenschaftler. Darauf hoffen wahrscheinlich auch die Millionen ihrer Lebenschancen beraubten Menschen, denen die dort herrschenden Regime jedes Recht der Selbstbestimmung vorenthalten. Diese Unterdrückung funktioniert aber nur, weil der Rest der Welt zu einem Netzwerk der Unmoral und des Verderbens erklärt wird und dessen Vernichtung und Ausrottung zum eigentlichen Lebenszweck.

Deshalb müssen die ersten freien Wahlen in Afghanistan behindert und die urlaubenden Israelis in Taba getötet werden, denn irgendwie trifft man damit immer die Amerikaner und die Juden, bestätigt nebenbei auch noch anti-semitische Vorurteile, wie sie ein Goebbels nicht hätte perfider einträufeln können (Unzucht, Prostitution, Korruption) und hintertreibt auf ein Neues den Friedensprozess im Nahen Osten, den zu befördern man in heuchlerischer Weise vorgibt. So hängt wirklich alles mit allem zusammen, aber eben nicht im Westen, dem Ziel, sondern in der Gegenwelt des Islamismus, der die Ideologie der Täter ist.

Was lehrt uns das alles? Nur das beharrliche Fortschreiten auf dem Weg der politischen Normalisierung und die feste Entschlossenheit, sich nicht entmutigen zu lassen, werden die Extremisten und Fanatiker dieser Welt letztlich überwinden, ob in Afghanistan, im Irak oder im Nahen Osten.

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