Politik : Mord, Raub, Unmenschlichkeit Sieben Jahre nach seiner Flucht

ist der mutmaßliche Kriegsverbrecher Hadzic gefasst

Christian Wehrschütz[Wien]
Foto: AFP
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Fruska Gora ist eine Hügelkette südlich von Novi Sad. Der höchste „Berg“ dieses Nationalparks ist 539 Meter hoch. Berühmt ist die Gegend für ihre serbisch-orthodoxen Klöster. Beliebt ist Fruska Gora als Ausflugsgebiet. Berüchtigt ist die Gegend, seit dort 2003 die Leiche von Ivan Stambolic, eines politischen Gegners von Slobodan Milosevic, gefunden wurde. Ihn hatte Milosevic wenige Monate vor seinem Sturz im Herbst 2000 beim Waldlauf in Belgrad entführen und dann im Waldgebiet von Fruska Gora ermorden lassen.

Die Gegend war auch der letzte Zufluchtsort von Goran Hadzic. Verhaftet wurde der mutmaßliche Kriegsverbrecher im Wald beim Dorf Krusedol. Nach Angaben der serbischen Justiz soll er falsche Personalpapiere besessen haben. Angeblich wurde Hadzic bei einem Treffen mit einem Helfershelfer gefasst, der ihm Geld überbringen sollte. Offenbar kam die Polizei auf Hadzics Spur, als ein Bild des italienischen Expressionisten Amedeo Modigliani aus dem Besitz des Serbenführers verkauft werden sollte.

Die Einzelheiten der Festnahme, aber auch Informationen darüber, wo und wie sich Goran Hadzic sieben Jahre verstecken konnte, wollen die serbischen Behörden erst nach umfassenden Untersuchungen bekannt geben. Das kann dauern, denn auch über die jahrelange Flucht von Ratko Mladic sind in Serbien seit seiner Verhaftung vor mehr als einem Monat kaum neue Details bekannt geworden.

Hadzic wurde 1958 als Serbe in einem Dorf bei Vinkovci in Kroatien geboren. Nach dem Beginn des blutigen Zerfalls des kommunistischen Jugoslawiens war Hadzic dann von Juni 1991 bis Ende 1993 „Präsident“ der selbsternannten Republik der serbischen Krajina, eines kroatischen Territoriums, das von serbischen Truppen besetzt war. In die Zeit seiner politischen Herrschaft fallen die Besetzung von Vukovar und der Massenmord an etwa 200 Gefangenen, die in einer bäuerlichen Genossenschaft in der Nähe von Vukovar von serbischen Milizen ermordet wurden.

Zu den 14 Anklagepunkten des Haager Tribunals gegen Hadzic zählen denn auch Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Verletzung des humanitären Völkerrechts, Mord, Raub, Plünderung und Vertreibung. Veröffentlicht wurde die Anklage Mitte Juli 2004; doch einen Tag vor seiner geplanten Verhaftung tauchte Hadzic unter. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte er einen Tipp bekommen. In jener Zeit regierte Vojslav Kostunica als Ministerpräsident, und der war kein großer Freund der Zusammenarbeit mit dem Haager Tribunal.

Seit 2008 wird Serbien jedoch von einer prowestlichen Regierung unter Staatspräsident Boris Tadic geführt. In diesen drei Jahren gelangen auch die spektakulären Verhaftungen von Radovan Karadzic, Mladic und nun von Hadzic. Auf einer Pressekonferenz in Belgrad betonte Tadic am Mittwoch, Serbien habe mit dessen Verhaftung seine gesetzliche und moralische Pflicht insbesondere sich selbst gegenüber erfüllt. Der Abschluss der Zusammenarbeit mit dem Haager Tribunal sei die Grundvoraussetzung für die Aussöhnung im ehemaligen Jugoslawien, außerdem eine Schuld Serbiens den Opfern gegenüber und auch ein Zeichen für das geänderte Wertesystem in Serbien.

Zurückhaltend blieb Tadic in Bezug auf die politischen Konsequenzen und die Reaktionen aus Brüssel. Serbien habe nun eine große politische Vorleistung erbracht, nun liege es an den Politikern der EU, ihre Versprechen zu halten. Sollte die Erweiterungsmüdigkeit in der EU die Oberhand gewinnen, wäre das schlecht nicht nur für den Balkan, sondern auch für die EU und ihre Bürger, weil ein instabiler Balkan für die EU zweifellos teurer sein würde als die Finanzierung der EU-Integration, sagte Tadic.

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