Mordanschlag in Dubai : Die Spur führt zum Mossad

Der Mossad soll den Hamas-Führer Mahmud al Mabhuh ermordet haben. Was darf der israelische Geheimdienst – und was nicht?

 Charles A. Landsmann[Tel Aviv]
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Foto: Imago; Montage: René Reinheckel

Israel ist das Land der Geheimdienste. Kein Wunder nach sieben Kriegen sowie unzähligen Krisen seit der Staatsgründung vor knapp 62 Jahren. Die wichtigsten sind die großen drei: der auch für die palästinensischen Gebiete und den Personenschutz zuständige Inlandsgeheimdienst Schin Bet oder Schabak (beides Abkürzungen für Sicherheitdienst), der militärische Nachrichtendienst sowie der weltweit bekannte Auslandsgeheimdienst Mossad. Der Mossad ist in ausländischen Augen „groß und schmutzig“. Aus Sicht der Israelis und der meisten Experten ist er ein „kleiner Bastard“, also schlau, clever, unberechenbar – und rücksichtslos. Die unterschiedliche Sichtweise gründet auf früheren spektakulären Erfolgen des Mossad und auf der Arbeitsweise seiner Agenten.

Wie arbeitet der Mossad?

Zwar kennt niemand die genaue Anzahl der hauptberuflichen Mitarbeiter (Agenten, Agentenführer, Auswerter) in Tel Aviv, doch dürfte diese bei etwa 1200 liegen. Riesig scheint das Netz der freiwilligen, im Ausland lebenden Helfer zu sein, insbesondere Exilisraelis oder Juden. Eigentlich ist der Mossad (auf deutsch „Institut“) für Nachrichtenbeschaffung und „spezielle Aufgaben“ zuständig. Doch wird er in der Öffentlichkeit nur wegen Letzteren wahrgenommen. Dabei geht es um die Ausschaltung der wichtigsten Feinde Israels ohne Rücksicht auf Verluste der Gegenseite.

Dem Mossad steht seit 2002 der Ex-General Meir Dagan vor. Seine Amtszeit wurde gerade erst wegen außergewöhnlicher (geheimer) Erfolge verlängert. Bis 1996 war der Name des Mossad-Chefs ein Staatsgeheimnis – um das aber praktisch jeder wusste, wenn er nur wollte. Wenn Dagan tatsächlich acht Abteilungen unterstehen, wie vermutet wird, dann ist die Metsada für die Öffentlichkeit am interessantesten. Hier geht es um Liquidierungen, Attentate, Sabotage und paramilitärische Aktionen.

Jahrzehntelang war der Mossad der Stolz aller Israelis – zu Recht. Denn die Agenten waren außerordentlich erfolgreich. Für ihre ungewöhnlichen Operationen wurden sie weltweit bewundert oder zumindest gefürchtet. Doch in den achtziger und neunziger Jahren häuften sich die Misserfolge. Danach stritt sich Dagans Vorgänger Ephraim Halevy mit dem damaligen Ministerpräsidenten Ariel Scharon über die Terrorbekämpfung. Scharon entließ Halevy und ersetzte ihn durch Dagan, einen alten Kumpel aus gemeinsamer Militärzeit. Dagan, ehemals Kommandant einer von Scharon gegründeten und wegen ihrer Rücksichtslosigkeit berühmt-berüchtigten Kommandoeinheit zur Terrorbekämpfung im Gazastreifen, sollte mittels „Spezialoperationen“ dem Mossad wieder den alten Glanz verleihen. Das hat er offensichtlich erfolgreich getan: Der Mossad gilt fast wieder und nicht nur in Israel als bester Geheimdienst weltweit.

Wie wird der Mossad kontrolliert?

Die beiden großen zivilen Geheimdienste, Mossad und Schin Beth, sind direkt dem Regierungschef unterstellt. Sie werden von einem hochgeheimen Parlaments-Unterausschuss für Außen- und Sicherheitspolitik kontrolliert – oder auch nicht. Denn noch immer stehen die meisten israelischen Politiker stramm, wenn ein Mossad-Boss das Wort ergreift – das als heilig gilt. Anders ergeht es den Schin-Beth-Chefs seit der Ermordung des von ihren Leuten geschützten Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin 1995. Für den Inlandsgeheimdienst wurde vor einigen Jahren Vorschriften erlassen, die Folter bei Verhören untersagen, aber „mäßigen physischen Druck“ zulassen. Da der Mossad nur im Ausland aktiv ist, verstößt er nur gegen die Gesetze anderer Staaten, nicht gegen die eigenen.

Welche spektakulären Aktionen hat der Mossad ausgeführt?

Der erste Großerfolg gelang dem Mossad 1956. Damals beschaffte ein Agent die Geheimrede Nikita Chruschtschows vor dem 20. Parteitag der KPdSU, in der er das Ende des Stalinismus verkündete. Über den US-Geheimdienst CIA gelangte das Papier an die „New York Times“. 1960 entführten Mossad-Agenten den Naziverbrecher Adolf Eichmann aus Argentinien nach Israel, wo er zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Als Frankreich nach dem Sechstagekrieg 1967 einen Rüstungsboykott gegen Israel verhängte und auch 50 bereits bezahlte Militärflugzeuge des Typs Mirage nicht lieferte, verschaffte sich der Mossad die Baupläne. Und er entführte acht für Israel hergestellte aber nicht gelieferte französische Raketenboote nach Israel. In den Jahren nach dem Anschlag auf israelische Sportler während Olympia 1972 in München liquidierte der Mossad rund 20 Palästinenser als mutmaßliche Täter und Hintermänner. 1988 wurde der Stellvertreter des Palästinenserpräsidenten Jassir Arafat, Abu Dschihad, in Tunis erschossen, 1995 auf Malta der Gründer des Islamischen Dschihad, Fathi Shakaki, und 2008 wurde der Vizechef der Hisbollah, Emad Maghanija, in Damakus in die Luft gesprengt.

Welche Fehlschläge gab es?

Da man ihn für einen Olympia-Attentäter hielt, wurde 1973 der Marokkaner Ahmed Boushiki in Norwegen irrtümlich getötet. 1996 löste der Agent Jehuda Gil fast einen Krieg aus, als er vor einem erfundenen Angriff Syriens warnte. 1997 missglückte ein Giftanschlag auf den Hamas- Politbürochef Khalid Mashaal in Amman.

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